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Disclaimer: Ich danke dem Easy-Dogs Hundebuch Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar des Buches zur Verfügung gestellt hat.

Lara Steinhoff (2020): Schilddrüsenunterfunktion beim Hund. Häufige Fragen und Antworten für Hundehalter

Vor vielen Jahren in Frankfurt hatte ich eine neue Kundin, eine total sympathische junge Frau mit einem Deutschen Pinscher, sechs Jahre alt, schon dritter Hand, aber ohne dass der Hund etwas dafür könnte. Der Hund wollte um keinen Preis vor die Tür gehen. Er wurde ganz ängstlich schon beim Geschirranziehen und Anleinen, versteckte sich, stemmte sich draußen vehement gegen die Leine und versuche, wieder reinzukommen. Futter konnte er draußen gar nicht nehmen. Im Laufe des Tages wurde die Ängstlichkeit schlimmer, so dass es wenn überhaupt nur morgens möglich war, ihn kurz rauszubekommen. Dieses Verhalten zeigte er, als ich ihn kennen lernte,  seit drei Jahren, es wurde stetig schlimmer, und ein Auslöser oder ein Zusammenhang mit Veränderungen im Lebensumfeld war nicht auszumachen. Dazu hatte er auch in der Wohnung große Angst vor Geräuschen, versteckte sich in der Badewanne. Auf Artgenossen reagierte er manchmal aggressiv.

Ich erstellte einen Trainingsplan, besprach die Ernährung, und, weil ich es mit Angst- und Aggressionsfällen so gelernt hatte, bat ich sie auch, doch mal die Schilddrüsenwerte bestimmen zu lassen. Irgendwas klingelte bei mir bei der Kombination „Deutscher Pinscher“ und „Schilddrüse“. Ich war darauf gefasst, dass sie, wie so viele Kunden vor ihr, beim nächsten Termin berichten würde: „der Tierarzt sagt, das ist alles neumodischer Quatsch mit der Schilddrüse“.

Ein paar Tage später rief sie mich an, sagte, sie sei gerade beim Tierarzt, der Test koste 50€, ob ich das wirklich für nötig hielte. Ich erklärte ihr nochmal, dass ich es gut fände, ohne einen konkreten Verdacht zu haben.

Es wurde eine massive Schilddrüsenunterfunktion festgestellt, der Hund auf Forthyron eingestellt, so konnte er sofort auf die Straße und spazieren gehen, wir trainierten zwei oder dreimal (ich richtete ihm eine Seeking-Insel und eine Entspannungsinsel auf seiner täglichen Runde ein) – und fertig. Dem Hund ging es seitdem gut.

Ich wünschte, ich hätte damals schon das neueste Buch des Easy-Dogs-Verlags gehabt.

Warum ich das schreibe? Weil ich wünschte, ich hätte schon damals das neueste Buch des Easy-Dogs-Verlags, Lara Steinhoffs Schilddrüsenunterfunktion beim Hund. Häufige Fragen und Antworten für Hundehalter gehabt. Für mich, zum Nachschlagen, und für meine Kunden, die durch die widersprüchlichen Auskünfte von Trainer*innen und Tierärztinnen verunsichert waren.

Es ist nämlich so: Die Schilddrüsenunterfunktion beim Hund zeigt sich – unter anderem – in diversen Verhaltensproblemen. Und: nicht alle Verhaltensprobleme haben was mit der Schilddrüse zu tun. Nicht alles, was als Verhaltensproblem gelabelt wird, hat eine organische Ursache, oft ist es falsches oder mangelndes Training, oder auch Normalverhalten des Hundes, das aber nicht in sein Lebensumfeld passt oder unerwünscht ist. Die Tragik ist: Eine Schilddrüsenunterfunktion ist ja eigentlich gut behandelbar. Stattdessen kann sich aber auch ein Trainer nach dem anderen an dem betroffenen Hund eine goldene Nase verdienen, und es kommt nicht wirklich viel dabei rum (zumal eine eingeschränkte Fähigkeit zu Lernen auch noch ein Symptom der Schilddrüsenunterfunktion ist). Das ist für alle Beteiligten unfair und unbefriedigend.

Eine Reihe Trainer*innen empfiehlt deshalb, Hunde, die insbesondere mit einer Angst- oder Aggressionsproblematik kommen, testen zu lassen. Damit sind wir aber beim nächsten Problem: Die Diagnose einer Schilddrüsenunterfunktion beim Hund ist leider nicht ganz so einfach.

Die Diagnose einer Schilddrüsenunterfunktion beim Hund ist leider nicht so einfach

Es gibt nicht den einen Schilddrüsenwert im Blutbild, der einem sagt, ob die Schilddrüse normal arbeitet. Vielmehr müssen mehrere Werte bestimmt werden und im Verhältnis zueinander gesehen werden. Da ist das Gesamtthyroxin (T4), das Freie Thyroxin, aber auch T3-Werte,  das die Schilddrüse stimulierende Hormon TSH, und bestimmte Antikörper. Die jeweiligen Werte können aber auch durch andere Erkrankungen, durch Medikamente, und auch durch Alter, Rasse und Ernährung und wahrscheinlich einige weitere Faktoren beeinflusst werden.

Ähnlich ist es mit den Symptomen: es gibt eine ganze Reihe typischer Symptome bei Schilddrüsenunterfunktion, sie könnten aber alle auch andere Ursachen haben.

Die Diagnose der Schilddrüsenunterfunktion beim Hund gleicht daher einem Puzzlespiel. Es gibt für Halter*in wie für die Tierärzte einiges drumherum zu beachten, und ganz sicher kann man sich nicht in allen Fällen sein.

Deshalb halte ich es für wichtig, dass Hundehalter*innen eine Möglichkeit haben, sich neutral, professionell, verlässlich zu informieren (also jenseits von Dr. Google). Da der Sachverhalt wirklich nicht unkompliziert ist, ist das wiederum für den durchschnittlichen Halter kaum zumutbar oder machbar.

Endlich ein verständliches Schilddrüsenbuch

Bisher! Denn das neueste Baby des Easy Dogs- Buchverlags schließt diese Lücke. Der klare, gut verständliche Text der Tierärztin Dr. Lara Steinhoff, gesetzt in einem luftigen, übersichtlichen Layout, auf kühlem, hellen Papier, in einem gut handlebaren Format, wird ergänzt und bereichert durch Fotos, farbig unterlegte Textblöcke, zahlreiche Grafiken und einen großzügigen, aber durchdachten Einsatz der Fettschrift. Damit ist es ein Buch geworden, das trotz des schwierigen Themas tatsächlich Lust aufs Lesen macht. Und: man profitiert auch schon vom Durchblättern, vom Studium der Grafiken, die fetten Textpassagen fungieren dann wie kleine Anker, die einen in den Text hineinziehen.

Der besondere Clou ist aber, dass das Buch dank seines Anhangs auch als Nachschlagewerk funktioniert: Hier kann man Symptome, Erkrankungen, Medikamente notieren, erhält Tabellen für die Überprüfungstermine, und ein Mindmap und ein Fragenregister erschließen auf einen Blick, wo man was im Buch findet.

Großes Kompliment an die Macher – die Empfehlung von „Trainieren statt Dominieren“ und den „TOP-Trainern der Tierakademie Scheuerhof“ haben sie nicht umsonst erhalten.