In Aggression, Angst, Antijagdtraining/ Jagdersatztraining, Dickkopf, Erziehung und Lernen, Hundebegegnung, Hundeerziehung, Hundepsychologie, Hundeschule, Hundetraining, Mensch-Hund-Beziehung, Philosophisches, Reaktivität, Rückruf, sogenannte Kampfhunde (SOKAs), Stress, Verhaltensforschung
Als ich in den letzten Wochen mit vier Hunden unterwegs war, und sie gerne mal nebeneinander sitzend oder liegend in der Landschaft drapierte, um ein hübsches Foto zu machen, wurde ich mehrmals angesprochen mit Kommentaren wie “Sie haben die gut im Griff”. Das war ganz klar als Kompliment gemeint, und hinterließ bei mir trotzdem einen schalen Nachgeschmack: Will ich andere Lebewesen “im Griff” haben?
Ich kenne einen ähnlichen Wunsch aus vielen Kundengesprächen, und auch da irritiert er mich jedesmal: “ich wollte mal wissen, wie weit ich gehen kann, was ich mit dem Hund alles machen kann”, “der Hund ist lieb, weil er sich von jedem alles gefallen lässt”, “wie toll: ich kann mit den Händen in seinem Essen herumspielen/ ich kann ihn auf den Rücken legen/ ich kann dieses und jenes”. Ich denke dann immer, dass das Menschen sind, die sich Kontrolle über ein anderes Lebewesen wünschen, und dass ich das seltsam finde.
Auf der anderen Seite ist es so: Je besser ich als Trainerin werde, desto mehr kann ich machen, dass mein Hund etwas tut. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Meine Hunde kommen, wenn ich pfeife. Sofort und schnell und freudig und fast immer. Dafür werde ich oft bewundert, im Sinne von: “das muss ein tolles Gefühl sein, dass die so auf dich hören” oder auch “darf ich auch mal pfeifen?”
Klar, von Kindern kennen wir das. Kinder rennen in Taubenschwärme, und erfreuen sich daran, dass sie machen können, dass die auffliegen.
Ich glaube sogar, das Gefühl, sich und seine Umwelt kontrollieren zu können, ist eines der wichtigsten, vielleicht das wichtigste Bedürfnis jedes Lebewesens.
Und genau da sind wir beim Problem: Jeder möchte kontrollieren. Niemand möchte kontrolliert werden.
Aber schauen wir uns den Satz oben nochmal genau an: jedes Lebewesen hat das Bedürfnis, das Gefühl zu haben, sich und seine Umwelt zu kontrollieren. Ich formuliere das absichtlich etwas komplizierter, denn: ich glaube nicht, dass es ein Grundbedürfnis ist, andere zu kontrollieren. (Auch wenn es manchen wichtig zu sein scheint, und viel Spaß macht.)
Unter diesen Voraussetzungen achte ich darauf, dass meine Hunde oft und viel das Gefühl haben, sich und ihre Umwelt selbst kontrollieren zu können! Nehmen wir nochmal den Pfiff: Da rennen sie beide auf mich zu und rufen sich zu: “wir können machen, dass es  gleich Leberwurst gibt, indem wir ganz schnell rennen!”
Nehmen wir eine Übung, die zunächst mal nach ganz viel Kontrolle durch mich aussieht: Rike übt gerade, sitzen zu bleiben, egal was drumherum passiert. Ob da Bälle fliegen oder Käsebröckchen oder jemand rumrennt… Sieht gut aus. Und wer hat die Kontrolle? Naja, ehrlich gesagt habe ich doch überhaupt keine Möglichkeit, zu beeinflussen, ob sie aufsteht oder sitzenbleibt. Sie dagegen sitzt da mit ihrem hochkonzentrierten Gesichtchen und sagt: “Ich kann machen, das ich gleich die supertolle Belohnung kriege, ich kann das alles hier ignorieren, ich habe es in der Hand!”
Zuletzt der Punkt, der euch wahrscheinlich allen schon die ganze Zeit auf der Zunge liegt: Klar muss ich was kontrollieren können, aus einem einzigen Grund: weil ich die Verantwortung trage. Und zwar dreierlei Verantwortung:
  1. ich muss dafür sorgen (können), dass ich selbst nicht durch den Hund zu Schaden komme
  2. ich muss dafür sorgen (können), dass mein Hund nicht durch sich selbst zu Schaden kommt
  3. ich muss dafür sorgen (können), dass andere Hunde, andere Menschen und andere Tiere nicht durch meinen Hund zu Schaden kommen
Dazu brauche ich keinen ferngesteuerten Hund, an dessen “Unterordnung” ich mich aufgeile. Dazu brauche ich einen funktionierenden Rückruf und eine Leine und Umsicht. Vielleicht Zimmertüren.
Das andere – dafür sorgen können, dass es dem Hund gut geht, und dass er selbst Kontrolle über sich haben kann – ist schwieriger. Und ich glaube es ist an der Zeit, uns klar zu machen, dass es in unserer Hundehaltung hier und heute doch viel mehr darum geht: dass es uns und dem Hund gut geht. Die Zeiten, in denen wir Hundehaltung um einen Kampf um Kontrolle (oder gleich die Weltherrschaft) gehalten haben, sind vorbei.
PS: Nein, es geht hier nicht um Chico. Ich habe keine Lust, mich zu Chico zu äußern, und ich finde auch, dass wir alle zu wenig über den konkreten Fall wissen, um uns zu dem konkreten Fall zu äußern. Was man daraus allgemeines folgern kann und sollte, haben mittlerweile genug Leute aufgeschrieben.