In Aggression, blog, Clickertraining, Erziehung und Lernen, Hundeerziehung, Hundepsychologie, Hundeschule, Hundesport, Hundetraining, Meine Hundebibliothek, Mensch-Hund-Beziehung, Philosophisches zu Hunden, Reaktivität, Rückruf, Tierphilosophie, Tierpsychologie, Verhaltensforschung

Pierson1

Ich habe zwei Anläufe für dieses Buch gebraucht, ich glaube, es ist kein Buch für zwischendurch und nebenher. Mir zumindest fällt es nicht so leicht, diesem essayistischen, etwas verspielten, mäandernden Stil, in dem viele neuere amerikanische Sachbücher geschrieben sind, zu folgen. Mich darauf einzulassen.


Pierson4 Pierson5

Nachdem die Autorin erst von minensuchenden Ratten zu TAG-Teach für autistische Kinder und dann zu ihrem Hund und dem Besuch einer Trainerin springt, um dann wirklich ausführlich auf Leben und Werk B.F. Skinners einzugehen, bin ich erstmal ausgestiegen, weil mir nicht klar wurde, was sie eigentlich will.

Erst über ein Jahr später, nämlich jetzt in meinen Ferien, habe ich es mir wieder vorgenommen, hatte die gleichen Anfangsschwierigkeiten – und fand es dann enorm faszinierend!

B.F. Skinners Entdeckung der „operanten Konditionierung“, ausgehend von Thorndike’s „Law of Effect“, wird umfassend und gut verständlich erklärt, viel Zeit verwendet die Autorin dann auch darauf, nachzuvollziehen, warum Skinner so ein schlechtes „Image“ hat, und sich zwar inhaltlich so viel auf ihn zurückbeziehen lässt, sich aber namentlich wenige gern auf ihn beziehen. Auch der philosophisch doch schon recht anspruchsvollen Auseinandersetzung mit Noam Chomsky räumt sie einiges an Platz ein. Ich glaube, wer das nicht eh schon spannende Fragen fand, droht hier wieder auszusteigen…

Für Trainer wird es danach spannend(er): Pierson erzählt nach, wie Skinners Schüler Marian und Keller Breland  im Zweiten Weltkrieg Tauben dressieren, die Bomben transportieren sollen. Das Projekt wird nie militärisch genutzt, aber in seinem Verlauf „erfinden“ die Mitarbeiter das freie Shapen: die sukzessive Annäherung an ein gewünschtes Verhalten in kleinen Schritten, mit Belohnung aus der Hand anstatt aus komplizierten Maschinen und Skinner-Boxen. Als das militärische Projekt 1943 offiziell beendet wird, haben die Brelands so viel über effizientes Tiertraining gelernt, dass sie eine Farm in Minnesota kaufen, und anfangen, alle möglichen Tiere für kommerzielle Zwecke zu trainieren. „Animal Behavior Enterprises“ hat 15.000 Tiere aus 150 Spezies trainiert, für Filme, Fernsehen, Werbespots, Freizeitparks, das Militär, und eine eigene „Show“, den „I.Q. Zoo„.  Dabei haben sie unter anderem den Nutzen eines „bridging stimulus“, also z.B. eines Clickers, entdeckt. Sie trainierten alle Verhaltensweisen mit positiver Verstärkung, Skinners Gesetzen folgend.

Nachdem Keller Breland gestorben war, heirate Marian – Tusch bitte! – Bob Bailey. Tusch, weil Bob Bailey bis heute die Referenzfigur für Training mit positiver Verstärkung ist. In den 1990er Jahren erfanden die Baileys die „Chicken Camps“, in denen Trainer an Hühnern gutes Training lernen. Das ist dieser Tage für Hundetrainer ziemlich in Mode. Warum das so ist, beschreibt z.B. Corinna Lenz hier.

Pierson3

Ich finde ja so Zusammenhänge und Entwicklungen unheimlich spannend – das ist quasi eine Genalogie oder Historische Epistemologie des Clickertrainings! Von Bob Bailey lernte Viviane Theby, von der Katja Frey, die übrigens gerade mit Bob Bailey auf einer Schiffsreise war – und von Katja Frey lerne ich! Wenn das nicht spannend ist! ;-)

Die meisten meiner persönlichen Trainings-„Heldinnen“ waren Bailey-Schülerinnen: Parvene Farhoody,  Karen Pryor, Jean Donaldson, Susan Garrett, Sue Ailsby, Kathy SdaoSophia Yin, Chirag Patel, und viele mehr.

Im Buch „The Secret History of Kindness“ geht es mit Karen Pryor weiter, denn sie war es, die Clickertraining richtig bekannt gemacht hat. Auch ich hätte sie spontan eher für die „Erfinderin“ von Clickertraining gehalten. Sie ist mehr oder weniger zufällig zur leitenden Trainerin im „Sea Parc“ geworden, und musste effektive Methoden finden, die Meerestiere zu trainieren. Dabei nutzte sie das Wissen der Baileys, und entwickelte zum Beispiele die so genanten „Trainerspiele“, bei denen man gutes Training erstmal mit Menschen übt, und mit denen wir bei meiner Trainingsspezialisten-Fortbildung immer viel Spaß haben. Sie erfand Prozeduren fürs Medical Training, sie begründete die ClickerExpo, und letztlich einen großen Konzern rund ums Clickertraining. Die Baileys hatten schon die Idee, die tausenden Hundebesitzer der USA als „Markt“ zu entdecken, denn die wollten doch ihre Tiere trainieren, und nun konnte man ihnen zeigen, wie das effektiv und ethisch vertretbar möglich wäre. Aber erst Pryor war es, die den Draht zu den Hundetrainern fand – vielleicht mit kleinen Tricks, wie das sie bei ihrer ersten Konferenzen jedem Teilnehmer einen Clicker schenkte.

Ich will die weiteren interessanten Exkurse im Buch nur anreißen, wie gesagt, es mäandert dann immer ein wenig, und ich habe manchmal den roten Faden vermisst:

  • was heißt „Wellbeing“ für (Haus-)Tiere
  • eine Geschichte der Ausstellung von Tieren und früher auch Menschen in Zoos
  • Animal Hoarding
  • Erforschung der Geschichte der Hunde der Autorin
  • Hunde, die (zum Jagen) Weglaufen, was man dagegen tun könnte, warum man es vielleicht doch nicht tut; die „Freiheit“ von Hunden
  • Dopamin
  • Tierversuche
  • Tiere im Krieg (30.000 Hunde waren im Jahr 1918 allein auf deutscher Seite im Krieg eingesetzt!)
  • die deutsche Geschichte von gewaltvollem Hundetraining nach Konrad Most
  • Dominanz und Gewalt: von William Koehler über die Mönche von New Skete zu Cesar Millan
  • dann ein spannender Ausflug zu der Psychoanalytikerin Alice Miller, die zeigt, wie geschlagene Kinder Gewalt, die ja angeblich zu ihrem eigenen Besten gegen sie verübt wurde, glorifizieren und selbst zu schlagenden Eltern werden
  • eine Diskussion über Ursprung und Weitergabe politischer Ideen, über den Krieg zwischen den zwei Richtungen des Hundetrainings, das weitverbreitete Festhalten an alter Tradition im Hundetraining – das alles mit dem Verständnis (der Autorin), dass es bei dieser Auseinandersetzung weniger um Hunde geht, und mehr um uns selbst, uns Menschen, unser Selbstverständnis
  • Joan Donaldsons Argumentation gegen strafbasiertes Training
  • die Sehnsucht des Menschen nach bedingungsloser Liebe (vom Hund!), und was das mit Training zu tun hat (nichts?)
  • Nebenwirkungen von Strafe, insbesondere beim Menschen
  • wieso ist strafbasiertes Training trotzdem so attraktiv für so viele Menschen? Weil wir selbst strafbasiert erzogen wurden und in einer auf Strafe basierenden Gesellschaft leben? (Sidman)
  • „Strafe ist Belohnung für den Strafenden“
  • Strafe und Aggression
  • TAGteach
  • Biosemiotik
  • Ressourcen
  • A Clockwork Orange

The Secret History of Kindness – Learning from How Dogs Learn ist ein reiches Buch, überfließend an Informationen, Ideen, Zusammenhängen. Vielleicht braucht man wirklich Ferien, um da genießen und wertschätzen zu können. Ich habe mir beim Lesen gewünscht, mehr an die Hand genommen zu werden. Es ist nicht meine Art Buch. Aber ich bin unendlich froh, dass ich es gelesen habe – vor allem aus zwei Gründen:

1. Argumente, die dafür sprechen, dass Training mit Positiver Verstärkung die effizienteste Art ist, Tiere zu trainieren. Zum Beispiel, dass das amerikanische Militär sich für diese Methode entschieden hat: das haben sie sicherlich nicht aus moralischen Erwägungen getan. So oft hört man im Alltag, mit Strafe ginge Training schneller. Bewiesen hat das nie jemand.

und

2.  durch die Aufzeichnung der Geschichte und der Entwicklung des Trainings durch operantem Konditionierung scheint mir Pierson auch eine Würdigung dieser Methode vorzunehmen. Training durch operante Konditionierung ist angewandte Wissenschaft, die in tausenden von Fällen methodisiert, vereinfacht, verbessert wurde. „Animal Behavior Enterprises“ war eine gigantische Trainingsfabrik, auf deren Erfahrung und Wissen sich Trainer stützen können. Wenn ich mich wieder einmal aufrege, dass jemand fragt, ob ich auch „mit der Leckerchenschiene trainiere“ oder „Wattebauschwerfer“ bin, dann will ich an diese Geschichte denken, diese Entwicklung, diese großartigen (und weniger großartigen, es gibt ja immer beides) Menschen, die an diesem Projekt herumgedacht haben, die zeigen, dass und wie es funktioniert.

Schön finde ich auch, dass Pierson immer wieder die Brücke schlägt zu menschlicher Erziehung, menschlichem Miteinander. Das ist nicht in erster Linie ein Buch über Hundetraining, es ist ein Buch über Menschen. Der Untertitel drückt das sehr treffend aus: „Learning from How Dogs learn“.

Pierson2

 

 

 

 

 

 

Leave a Comment