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Ich arbeite oft mit HundebesitzerInnen zusammen, die schon mehrere Hundetrainer hatten, und irgendwie nicht wirklich weiterkommen. Als Berufsanfänger dachte ich ehrlich gesagt oft: „die anderen Trainer waren halt alle nicht so gut“. Mittlerweile sehe ich das ein bisschen differenzierter. Ich nehme an, auch ich bin manchmal so ein verschleißter Trainer, und die Kunden, die plötzlich keine Zeit oder kein Geld mehr haben, ziehen weiter zum nächsten. 

Ehrlich gesagt habe ich das früher, als Habca jung und schwierig war, auch ein paar Mal gemacht: Nochmal eine andere Meinung hören, nochmal was ausprobieren. Ist ja auch erstmal nicht schlimm. 

Ich frage mich allerdings:

Woran liegt es, dass Hundetraining doch relativ oft nicht so funktioniert, wie der Besitzer sich das wünscht? Wenn wir mal die Fälle außen vor lassen, in denen Trainer oder Besitzer einfach faul oder dumm sind? Wenn wir mal unterstellen, alle meinen es gut und geben sich Mühe?

Ich habe einige Erklärungen für Euch gesammelt:

  1. Dem Trainer fehlen Informationen. Vieles an Hundeproblemen ist Besitzern peinlich. Ich weiß mittlerweile, dass ich manche relevanten Informationen eher im zweiten Gespräch als im ersten bekomme. Es ist ok, wenn ihr etwas Zeit braucht, um Vertrauen zu einem Trainer zu fassen. Aber macht Euch klar: es ist euer Geld, euer Hund, euer Leben. Wenn Ihr wollt, dass der Trainer gute Arbeit leistet, gebt ihm die Informationen, die er braucht. Und ganz ehrlich: Euer Hund ist nicht der erste und nicht der letzte, der die Schwiegermutter beißt/ Opas Bein rammelt/ ins Ehebett gekackt hat.
  2. Dem Trainer fehlt Erfahrung und/ oder Wissen. Ja, leider: Trainer mit wenig Erfahrung generalisieren manchmal ihre wenige Erfahrung auf alle anderen Hunde. Ihr kennt das von Euch selbst und von anderen Hundebesitzern, den Laien-Tainern auf der Hundewiese: „Bei Fiffi hat die Wasserpistole geholfen“, „bei meinem verstorbenen Hund hat das aber so funktioniert“.  Ja, aber Euer Hund ist nicht Fiffi und nicht Bello. Das heißt nicht, dass er völlig anders lernt – aber das heißt, dass er vielleicht andere Verstärker braucht oder andere Stressoren hat. Das heißt, dass ein Trainer das Verhalten Eures Hundes analysieren muss. Dazu braucht es Erfahrung und Wissen.
  3. Das unerwünschte Verhalten hat Verstärker, die ihr und/ oder euer Trainer nicht bemerkt. Verhalten hat eine Funktion. Immer. Auch unerwünschtes Verhalten. Es wird daher in der Regel der erste Schritt Eures Trainers sein, die „Belohnung“ des unerwünschten Verhaltens zu entfernen. Das unerwünschte Verhalten soll sich für den Hund nicht mehr lohnen. Wenn der Hund das unerwünschte Verhalten immer weiter zeigt, heißt das im Umkehrschluss: es lohnt sich für den Hund noch. Ein einfaches Beispiel: ihr wollt dem Hund das Anspringen abgewöhnen, aber eigentlich findet ihr es ziemlich niedlich, und lächelt immer, wenn er es doch tut. Das Lächeln kann ein Verhalten am Leben erhalten. – Schwierigeres Beispiel: Ein Hund bellt im Auto. Er bellt, um Menschen zu vertreiben, die dem Auto zu nahe kommen. Das funktioniert super, denn die Menschen verschwinden, wenn er bellt (weil ihr weiterfahrt). Diesen Verstärker müsstet ihr entfernen, damit das Training greift.
  4. Eure Belohnungen sind keine Belohnungen. Was eine Belohnung ist, entscheidet einzig und allein der Hund. Manche Hunde sind nicht futtermotiviert. Manche Hunde finden Spielzeug öde. Manche Hunde sind erleichtert, wenn ihr sie aus einem Hundekontakt rausholt, andere finden es total doof. Tatsächlich können Hunde lernen, Sachen zu mögen oder für Futter zu arbeiten – wenn ihr es ihnen beibringt. Mehr über Belohnungen hier im Blog. Und hier
  5. Euer Hund kennt kein Alternativverhalten. Wenn Ihr Eurem Hund nur sagt, was er nicht tun soll, habt ihr sehr gute Chancen, dass das Training nicht greift. Nicht-Bellen, nicht-aggressiv-sein, nicht-Hochspringen sind keine Verhalten. Überlegt Euch, was er tun soll, und trainiert es mit ihm.
  6. Das Problemverhalten erfüllt eine wichtige Funktion für die beteiligten Menschen. Das ist ein schwieriger Punkt, und hart sich einzugestehen. Manche Hunde müssen Problemhunde sein. Für manche Menschen ist es wichtig, oder gehört zu ihrem Selbstbild, schwierige Hunde zu haben. Manche Menschen müssen einem Hundetrainer nach dem anderen beweisen, dass ihr Hund ein einzigartiges, unlösbares Problem hat. Das ist den beteiligten Menschen nicht bewusst. Hundetrainer werden in dieser Konstellation zu aufrechterhaltenden Faktoren, die sich immer mehr anstrengen. Häufig wechselt das Problemverhalten des Hundes: eine Baustelle wird plötzlich besser, eine andere tut sich auf. Vorschläge des Trainers werden wortreich widerlegt. Eigentlich hat man auch schon alles probiert… Hunde eignen sich wunderbar, um in solchen Szenarien mitzuspielen, aber natürlich sind sie die Verlierer in der ganzen Sache. Denn keinem Hund macht es Spaß, immer weiter immer neues Problemverhalten zu zeigen. – Dieser Punkt ist vor allem ein Caveat für Trainerkollegen. Als Besitzer könntest du dich fragen: wie wäre es für mich, einen problemlosen, tollen Hund zu haben? Wäre das überhaupt ok?        
  7. Der Hund hat unerkannten Hintergrundstress. Hohe Stressbelastung macht Lernen und Veränderung schwieriger, und kann sogar der Auslöser für Problemverhalten sein. Stressoren können z.B. Unterforderung und Überforderung sein. „Hintergrundstress“ kann aus der Beziehung zwischen Hund und Halter resultieren, oder z.B. daraus dass der Hund sehr viel allein ist, oder auch gar nicht so viel, aber damit nicht klar kommt. Das Problem kann dann trotzdem ganz woanders sichtbar werden, und, siehe Punkt 1, möglicherweise fehlen dem Trainer Informationen, weil sie als nicht relevant erachtet wurden.  
  8. Du trainierst am Problem vorbei. Das ist etwa die Umkehrung von Punkt 7: Gerade ältere/ altmodischere Trainer drücken dir erstmal ein allgemeines Programm auf – egal welches Problem dein Hund und du haben. Sagen wir, dein Hund bellt andere Hunde an, und dein Trainer rät dir, ihn nicht mehr aufs Sofa zu lassen und nur noch aus der Hand zu füttern. So klingt es vielleicht überspitzt dargestellt, aber tatsächlich erlebe ich das ganz häufig! Manchmal nimmt der Trainer Zusammenhänge an, die der Besitzer einfach nicht versteht. Manchmal sind diese Zusammenhänge aber auch gar nicht da, oder zumindest sehr, sehr unwahrscheinlich! Tipp: Man darf als Besitzer nachfragen, was das empfohlene Training mit dem Problem zu tun hat. Ein vernünftiger Trainer hat kein Problem damit, sein Vorgehen zu erklären.
  9. Trainer und Besitzer missverstehen sich/ sind nicht offen miteinander. Ich zum Beispiel bin ja erstmal immer nett. Manche Leute missverstehen das. Wenn ich eine Übung als Hausaufgabe aufgebe, möchte ich in der Regel schon, dass die genau so geübt wird. Ein harmloses Beispiel: eine Frau sollte mit ihrem Hund üben, Gegenstände ins Maul zu nehmen. Als ich eine Woche später wiederkam, berichtete sie fröhlich: ins Maul nehmen habe nicht geklappt, er könne jetzt anstupsen. Und das tat er mit fest geschlossenem Maul. Super, nur ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich gewollt hatte… – Wenn Euch nicht klar ist, was der Trainer meint, oder wo er hinwill, fragt nach. Wenn etwas nicht klappt, fragt nach. Wenn Euch etwas nicht passt, sagt Bescheid. Rechtzeitig, nicht drei Wochen später. Nochmal: es geht um euren Hund, euer Leben, euer Geld. Die Dinge müssen nicht so laufen wie der Trainer das gern hätte, sondern so, wie es für dich und deinen Hund passt. Das kann ein Trainer aber wiederum nur hinkriegen, wenn ihr miteinander redet! – Immer mal wieder wählen Besitzer den Kompromiss, eine Sache ungefähr so zu machen, wie der Trainer gesagt hat, aber ein bisschen auch so wie Tante Erna meint, und ein bisschen so wie der Typ im Fernsehen es macht. Ganz ehrlich: Das wird nichts. Sucht Euch einen Trainer, dem ihr vertraut, gebt ihm die Chance, gute Arbeit zu machen, und sagt ihm, wenn ihr was nicht versteht, nicht wollt oder Zweifel habt.
  10. Ihr macht (zu viele) Trainingsfehler. Tier-Training ist eine Kunst und eine Wissenschaft. Erstaunlich viele Hunde kapieren mit erstaunlich schlechtem Training, wo die Reise hingehen soll. Aber manche halt nicht. Und oft sind Trainingsfehler für Laien so unauffällig, dass ihr sie nicht seht. Ein Trainer sollte sie euch aufzeigen können, aber nicht alle können das. Bittet euren Trainer, euch beim Training zuzuschauen und zu korrigieren. Filmt euer Training, und schaut es euch selbst kritisch an. Lernt auf Youtube, Facebook, in Webinaren. Im Training passieren immer Fehler, wenn ihr keine findet, braucht ihr jemanden, der euch hilft. Wenn ich mein Training filme, sehe ich auch Fehler. Das ist normal. Und ganz oft ist es so, dass der Hund ganz genau das macht, was wir ihm beibringen. Auch wenn wir ihm eigentlich was ganz anderes beibringen wollten. Einfaches Beispiel: Ihr wollt dem Hund beibringen, mit der Nase ein Target anzustupsen, und klickt immer einen Hauch zu spät. Damit bestätigt ihr das Weggehen vom Target. Der Hund wird immer mehr Bewegung weg-vom-Target zeigen. Mit ein bisschen Pech meidet er es irgendwann.

Puh, ich glaube fast, ich könnte ewig so weiterschreiben! So viele Fehlerquellen… ja, weil Hundetraining ein vielschichtiges Terrain ist: es enthält menschliche Beziehungen, die interspezifische Mensch-Hund-Beziehung, Trainingstechnik, Trainings-Wissen, Hunde-Erfahrung, menschliches Feingefühl, ein Individuum einer anderen art mit all seinen Bedürfnissen, Problemen, Erfahrungen…

Ich wünsche Euch viel Glück und viel Spaß beim Training, und viel Erfolg bei der Fehleranalyse!

 

              

Comments
  • Socke-nHalterin

    Wir kommen von einem Seminar und erleben wieder einmal, dass wir Socke in diesen Situationen falsch einschätzen.Es sind diese besonderen Situationen (der fremde Ort, andere Teilnehmer , die anderen Hunde…) die das Training auch viel schwerer machen.

    Und das, was mir immer wieder in den Sinn kommt ist, dass das Training nicht zum Leben und zum Halter passt. Da wurde empfohlen den Hund nicht aufs Sofa zu lassen. Die Halter liebten es aber mit ihrem Hund auf dem Sofa zu kuscheln. Also durfte der Hund auf dem Halter legen, wenn diese auf der Couch lagen oder, nach dem Urlaub hieß es, dass man jetzt wider strenger sein möchte und die Regeln des Trainers jetzt wieder gelten…

    Das Training muss aber immer stattfinden und alle müssen das leben können und wollen. Ansonsten muss man sich andere Übungen suchen, auch wenn es dann länger dauert…

    Und der Hund ist keine Maschine, die nicht wie die andere tickt. jeder Mensch und jeder Hund ist anders, die Erwartungshaltungen, die Arbeitsbereitschaft und das Verständnis ist sooo individuell.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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