In Aggression, Angst, Erziehung und Lernen, Hund im Sommer, Hund in Frankfurt, Hundeschule, Mensch-Hund-Beziehung, Nidda, Tierpsychologie

Eine kleine Begebenheit vorgestern in einer Frankfurter Idylle, hier, so schreibt das Lokalblatt, leben Stadt und Natur, Mensch und Vogel und Hund und Kinder und Skater und Fahradfahrer noch in Harmonie miteinander und genießen Frühlingssonne et cetera.

Wer Erfahrung mit Hunden, Kindern und Städten hat weiß dass das ungefähr so wahrscheinlich ist wie dass das Zusammentreffen von so genannten „Hasspredigern“, NPD und Antifa das für heute in FfM geplant ist, so richtig idyllisch wird. ;-) (Ja ich weiß, wenn ich sarkastisch werde überrascht das manche Leute so sehr dass man ein Pappschildsmilie zum Hochhalten bräuchte.)

In dieser Szenerie also, total warm, Labrador, jung aussehend, liegt auf der Wiese die neuerdings als „Hundewiese“ gekennzeichnet wird, neulich gab es da so eine Aktion dass in jedem Hundekackhaufen ein buntes Papierfähnchen steckte (ich mache mir hin und wieder Gedanken über die psychiatrische Relevanz von Hundekackhaufenpapierfähnchenstecken, ist das eigentlich ein Frankfurter Phänomen?), da der asphaltierte Weg entlang der Nidda bei den ersten Sonnenstrahlen von Radfahrern in Discounter-Rennradklamotten annektiert wird denen man mal „Achtung ich bremse nicht für Tiere“-Aufkleber auf die Schutzbleche pappen sollte, und die Caféterrasse voller schreiender futternder mit Essen um sich werfender rennender fallender Kleinkinder und schreiender rennender Essen austeilender Mütter ist so dass ein Hund wirklich Stahlseilennerven bräuchte –– okay, der Satz wird selbst mir jetzt zu lang. ;-)

Der Labrador also lag auf der Wiese auf der das erlaubt ist mit einem bestimmt zwei Meter langen Stock zwischen den Pfoten und kaute entspannt. Sein Herrchen, vielleicht Mitte dreißig, stand in ein paar Metern Entfernung herum, in der Sonne, am Fluß.

Auftritt drei oder vier Kinder mit weiblicher Begleitperson, Kinder etwa zwischen sechs und zehn. Laufen auf den Hund zu, rufend: „Ohwiesüß darfichdenstreicheln guckmaHund derhatnstock“. Begleitperson: „frag doch erstmal wie der heißt!“
Hund (knurrend): „Ey Kiddos, das hier ist mein Stock und ich entspann mich hier gerade, kommt mal nicht ganz so nah bitte.“
Kind: „Ups. Der knurrt.“
Hundehalter: „Aaaaaah, keine Angst, der macht nix! Der knurrt nur!“
Kinder rennen auf Hund zu, in Hund herein, Hund schnappt sich den Stock und läuft weg, hinter ein Gebüsch, Kinder kreisen ihn ein, schreiend: „woistderhund? ichwillauchanfassen! ohhund!“
Hund setzt einmal wuffend nach vorn, auf eins der Kinder zu.
Hundehalter zu Begleitperson: „Also ich weiß auch nicht, Kinder in einem bestimmten Alter knurrt der immer an, kleine Kinder mag er ja, aber der knurrt nur, echt, der tut nix! Hat noch nie was getan!“

Der Hund versucht jetzt sich und seinen Stock unter der Brücke in Sicherheit zu bringen. Aber die Kinder teilen sich auf, kommen von beiden Seiten. Der Hund legt die Ohren an, das Gesicht ganz nach hinten gezogen, geht unsicher aufs Wasser, den letzten Ausweg, zu. Die Kinderbegleitperson ruft einzelne Kinder vom Wasser zurück. Hundebegleitmann steht da, nach wie vor, lächelt, hat Spaß.

F. und ich wenden uns endlich ab und gehen.

Sowas sind die Anfänge vo Geschichten in denen ein Hund völlig aus dem Nichts, ohne jeden Grund plötzlich ein Kind beißt und wegen seiner unerklärlichen Aggressivität leider abgegeben, eingeschläfert oder ins Tierheim abgeschoben werden muss. Im besten Fall sind das die „er war aber doch immer so lieb“-Anfänge der Geschichten die Jahre später beim Hundetrainer von dem völlig unerklärlichen Beißvorfall berichten.

Dieser Hund hat kommuniziert und kommuniziert, er hat auf alle erdenklichen Weisen gesagt „bitte lasst mich in Ruhe, ich will das nicht“. Manche Hunde, und es sind wahrscheinlich nicht die Dümmsten, kommen irgendwann zu dem Schluß: „Menschen sind sowas von schwerhörig, begriffsstutzig, die verstehen nur Zähne oder zumindest ganz große Show. Das Gerede vorher kann man sich eigentlich Sparen.“ Böser Hund.

Showing 6 comments
  • Wolfram

    Der Hundehalter gehört mal 24 Stunden in der Ubahn angekettet… in Moskau, wo ihn keiner versteht.

  • dandelion (Annette)

    Wie wärs denn endlich mit dem Sachkundenachweis für Tierhalter ??? Selbst passionierte Hundehalter („Ist schon mein Dritter !“) haben oft erstaunlich wenig Ahnung von der Hundekommunikation…
    Hoffentlich ist die Geschichte gut ausgegangen !

    LG Annette

  • Steffi

    Aber das war doch ein Labrador? Die sind doch immer gutmütig und werden außerdem als wohlerzogene, kinderliebe Familienhunde geboren!
    Ich weiß jetzt gar nicht, was Du hast?

    Ne, im Ernst, im Moment ist ja wieder die Jahreszeit, in der überall Hunde scheinbar aus dem Boden wachsen, die im Winter irgendwo im Kleiderschrank eingelagert waren. Und mit diesen Hunden steigt auch die Anzahl der Hundebegleitpersonen (und nebenbei die der Frankfurter Fähnchenstecker), die sich durch dermaßen viel Hundeverstand in allen Bereichen des Zusammenlebens auszeichnen, dass ich über den Sommer wieder ganze „Gassigebiete“ großräumig meiden werde. Danke für diesen Beitrag!

    LG
    Steffi

  • Wolfram

    Ich stimme Annette im Prinzip zu – aber in den Sachkundenachweis gehört dann eben auch die Kenntnis der Hundekommunikation, und nicht das Wissen über die Gestationsdauer, wie in NRW (als ich noch da wohnte).
    Und: den Sachkundenachweis für alle, bitte, auch für die Omi mit dem kläffenden Sofakissen, die damals vor meinem Welpen (!) die Straße wechselte: „Komm Schätzeken, da gähmwa ma wacka wech, dä baaißt dich!“

  • Miriam

    Ich sehe das mittlerweile auch als ein Riesenproblem für einen Sachkundenachweis, den ich im Prinzip befürworte: Wer stellt die Fragen? Wer macht die Regeln? Die aktuelle Sachkunde NRW z.B. kann man online üben: http://www.web-based-teaching.de/ben/ und ich muss mich für manches Kreuzchen ganz schön überwinden…

  • Steffi

    Ideen, um die Anzahl der Spontankäufe und damit auch die der evtl. eigentlich doch eher desinteressierten und später wahrscheinlich überforderten Halter im Vorfeld einzuschränken, fände ich besser als einen Test nach der Anschaffung.

    Was passiert denn mit den Hunden, deren Leute solche „Tests“ nicht bestehen? Die Hunde sind dann in irgendeiner Form doch nur wieder die Leidtragenden…

    LG
    Steffi

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