In Aggression, Erziehung und Lernen, Hundeleine, Hundepsychologie, Hunderassen, sogenannte Kampfhunde (SOKAs)

Sie sind wieder da, die Schlagzeilen über Hunde, die Kinder schwer verletzt haben. Wieder einmal waren es die eigenen, die Familienhunde. Ein Husky-Schäferhundmix und eine Dogge. Viel mehr ist nicht berichtenswert, ein Wolfsforscher darf über den Jagdtrieb spekulieren, die Dogge ist wohl zunächst in ein Tierheim verbracht worden (also nicht vor Ort erschossen, wie man das ja auch gerne mal handhabt).

Es ist, ohne Zweifel, sehr traurig, dass das passiert ist, und es ist für alle Beteiligten dramatisch.

Und jetzt?

Jetzt versuchen wir die Komplexität der Vorfälle – die Komplexität all solcher Vorfälle – zu verdrängen. Natürlich wird es Wissenschaftler geben – wie Dorit Urd Feddersen-Petersen – die es wagen ganz tief in diese Fälle hineinzutauchen und von exzessivem Bällchenspielen, mangelnder Sozialisierung, mangelnder Erfahrung zu sprechen. Es ist gut, dass Wissenschaftler das tun. Aber sie können damit das Leid der Betrofenen nicht erreichen, sie können die Angst der anderen nicht erreichen, und auch nicht die Wut und Aggression, die aus der Angst entsteht.

Angst, Wut und Aggression sind nicht die besten Antworten. Aber ich sage: Diese Gefühle haben Recht. Sie drücken unser Wissen darüber aus, dass es wieder passieren wird. Es werden wieder Hunde Kinder beissen. Es werden wieder Lehrer ihre Schüler vergewaltigen. Es werden wieder Kinder Kindern den Schädel brechen und sie in Kanalschächte werfen. Es ist furchtbar, es ist kaum auszuhalten für eine sensible Seele.

Und deshalb ziehen wir vor, es nicht auszuhalten, sondern zu handeln. Handeln ist viel einfacher! Leinenpflicht für alle überall! Maulkörbe in öffentlichen Verkehrsmitteln (ist in Berlin bereits Vorschrift)! Hundeführerschein (was auch immer das sein soll) als Voraussetzung für Hundehaltung! Neue Rasselisten, Kampfhundverordnungen! Zucht- und Verkaufsverbot für „Kampfhunde“! Wesenstest für alle! Den Jagdtrieb bitte ganz aus dem Hund herauszüchten! Hundehaltung in Städten einschränken! Hunde raus aus den Parks!

(Und vierzehnjährige Kinder für acht Jahre ins Gefängnis.)

Keine solcher Vorschriften hat irgendetwas mit den aktuellen Vorfällen zu tun.

Der Hund, war, ist, und wird immer Teil der menschlichen Gesellschaft sein, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Er hat den Mensch auf den Mond und in die Arktis begleitet, und auch das bürgerliche Kinderzimmer ist ohne ihn nicht denkbar. Es ist nicht die Lösung, den Hund und die Gemeinschaft des Hundes mit dem Menschen immer mehr einzuschränken und zu erschweren. Schon unter den heute gültigen Vorschriften ist es meines Erachtens kaum möglich, einen Hund verantwortungsbewusst und artgerecht aufzuziehen.

Erstens müssen wir anerkennen, dass es, so lange Hunde in dieser engen Gemeinschaft mit dem Menschen leben, Unfälle geben wird. Ähnlich, wie es Unfälle mit Küchenmessern gibt. Das heisst nicht, dass wir nicht alles daran setzen, sie zu verhindern! Aber es wird immer Menschen geben, die zu blöd sind, ein Küchenmesser zu handeln, die tatsächlich den anderen verletzen wollen, oder die Gefahren nicht verstehen. Und es wird immer Pech geben.

Zweitens. Die Unfälle mit Pferden, schreibt Vicky Hearne, häuften sich genau dann, als Kutschen durch das Automobil verdrängt wurden. Was heisst das? Der Hund ist Bestandteil unserer Kultur, unserer Gesellschaft, hier und heute. Wenn wir alle, auch die Menschen, die selbst keinen Hund halten, die Angst vor Hunden haben, eine Hundehaarallergie und kleine Kinder, auch die Radfahrer und Jogger, wenn WIR ALLE diese Tatsachen endlich anzuerkennen bereit wären: Dann müssten wir einsehen, dass wir eine Kultur des Umgangs mit dem Hund brauchen. Wir brauchen keine weitere hilflose Überregulation des Hundehaltens. Wir brauchen ein Wissen und ein Können, unabhängig von der persönlichen Einstellung. So wie Kinder im Kindergarten, in der Schule und im Elternhaus lernen, sich im Strassenverkehr zurechtzufinden, so müssen sie auch lernen, sich im Umgang mit Hunden zurechtzufinden. Wir alle müssen das lernen. Die Hunde sind mehr als bereit, ihre Rolle als Teil der menschlichen Gesellschaft auszufüllen. Den Hunden ist es ins Erbgut geschrieben, mit den Menschen zu leben. Die Hunde sind nicht das Problem.

Natürlich liegt es an den hundehaltenden Menschen, ihrer Dogge zu erklären dass das hier kein griechisch-römischer Ringkampf ist, ihrem Herdenschutzhund zu erklären, wie wir das heute mit dem Betreten fremder Grundstücke geregelt haben, und ihren Husky so zu halten, dass es für ihn einigermaßen aushaltbar ist, weil er wenigstens Rennen kann. Es liegt an den Menschen, ihren Dackeln zu erklären wie man sich gegenüber rennenden Kindern verhält, und dem Terrier, mit welchem Fußball er spielen darf und mit welchem nicht. Es ist viel, was wir unseren Hunden hier und heute erklären müssen.

Ich sage bewusst: Erklären. Denn das erreicht man nicht mit Leinen und Elektroschockgeräten. Das erreicht man durch Wissen, Können, und Kommunikation.

Dieser Tage außergewöhnlich meinungsstark:
Eure Miriam

Showing 3 comments
  • Heike

    Hallo Miriam,

    jawohl, Du sprichst mir sowas von aus der Seele! Der Mensch denkt immer er ist der Beherrscher dieser Welt, dabei ist er nur Gast. Und die Panikmache und Überregulierungswut geht mir absolut auf die Nerven.

    Ich wünsche Dir und Habca ein schönes Wochenende.

    Heike und Lea

  • Dixie

    Wie Recht du doch hast :“Die Hunde sind nicht das Problem“! Und die vielen, vielen Vorschriften machen doch Alles nur noch schlimmer. Gestzlich regulierter Umgang miteinander ist doch einfach lächerlich aber leider die Regel.

    Deine Meinungsstärke brauche ich diese Tage besonders, ich sag nur…Deutscher Jagdterrier… :)

    liebe Grüße,
    Diana

  • Wolfram

    Amen.
    Möge die Stimme der Vernunft gehört werden…

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