In Angst, Entspannungstraining, Hundeausstattung, Hundehalter, Hundepsychologie, Hundesitter, Mensch-Hund-Beziehung, Stress

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Das Problem

Hunde, die nicht allein zuhause bleiben können, stellen eine große Belastung für ihre Besitzer (und häufig deren Nachbarn) dar, und haben selbst immensen Leidensdruck. Schätzungen nach ist Trennungsstress, wie dieses Problem korrekt heißt, der Grund für bis zu 40% der Beratungen bei Hundetrainern in den USA. Dabei ist auch Trennungsstress erstmal Teil des Normalverhaltens von allen Tieren, die soziale Bindungen eingehen!

Wenn Hundehalter zu Trainern in die Beratung kommen, weil ihr Hund nicht allein bleiben könne, müssen wir erstmal feststellen, wie schwerwiegend das Problem ist. Es macht einen Unterschied, ob der Hund sofort nach dem Verschwinden der Bezugsperson (bzw. dann meistens sobald er merkt, dass man weggehen will) in Stress gerät, oder erst nach einer gewissen Zeit (was oft eher für Langeweile spricht). Es ist interessant zu wissen, ob er ruhig irgendwo liegt – leidend oder nicht – oder über lange Zeit hektisch auf- und abläuft. Wenn er bellt, jault oder heult, sind genaue Informationen hilfreich: Wann fängt er an? Bellt er über lange Zeiträume durch, oder z.B. nachdem er etwas gehört hat? Ist es ein rhythmisches Geräusch, hat er sich „eingebellt“? Lauscht er auf Antwort? All das können Nachbarn meistens nur unzureichend beantworten.

Für eine fundierte Therapie von Trennungsangst ist es daher unerlässlich, den Hund beobachten (sehen und hören) zu können, während er allein ist. Bisher haben meine Kunden zum Beispiel ihren Laptop mit ihrem Handy verbunden, oder zwei Handys per Videotelefonie miteinander. Manche nutzten Babyfons oder Kameras auf einem Stativ. Auf meinem Computer lagern viele Stunden von im besten Fall sehr langweiligem Filmmaterial: Hunde, die schlafen, während sie allein zuhause sind. Aber auch Hunde, die panisch über Tische und Sofas springen, sich an Fenstern und Türen zu schaffen machen oder aufs herzzerreissende heulen, den gefüllten Kong unbeachtet neben sich.

Obwohl ich die meisten Anfragen zu Werbekooperationen für diesen Blog ablehne, hat mich der mir angebotene Test der Furbo-Hundekamera daher wirklich interessiert.

DISCLAIMER: Für diesen Beitrag wurde mir eine Furbo-Hundekamera von Karkalis Communications kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Kamera

Die Furbo-Kamera nennt sich „die erste Leckerli-werfende Kamera der Welt“ und soll es ermöglichen, mit dem Hund von einem anderen Ort aus zu kommunizieren.

Zunächst ist es eine hübsche,  hochauflösende HD-Kamera mit einer Weitwinkel-Linse mit 160° Blickwinkel und sich automatisch einschaltender Infrarot LED Nachtsicht. Bei geschickter Aufstellung des Geräts hat man also gute Chancen, den Hund auch wirklich draufzukriegen (was bei herkömmlichen Methoden oft ein Problem war).

Die Kamera verbindet sich automatisch mit dem WLAN und mit einer kostenfreien, schnell heruntergeladenen App, und schon kann man von unterwegs nachschauen, was der/ die Hund/e zuhause tun. Außerdem kann man Fotos und (kurze) Videos aufzeichnen (um sie später seiner Trainerin zu schicken!).

Ein „Bellalarm“ meldet dem verbundenen Handy, wenn der Hund bellt. Die Erkennungsempfindlichkeit kann in drei Stufen angepasst werden.

Umgekehrt kann der Mensch über das Handy mit dem Hund sprechen.

Und die Kamera kann Leckerlis auswerfen, die im Gerät aufbewahrt werden. Dabei macht sie zuvor ein (Motoren?-)Geräusch, das die Funktion einer Ankündigung oder eines Klickers haben soll, und das man durch eine eigene Aufzeichnung („Personalisierter Leckerli-Ruf“) ergänzen kann.

Die Kamera benötigt WLAN und eine Steckdose. Sie kostet 259€ und ist derzeit für 139€ erhältlich.

Der Test

Mir fällt als erstes auf, dass die Furbo-Kamera Spaß macht. Sie ist gut designed, hübsch verpackt, erinnert mich an gewisse Elektrogeräte mit Obst drauf. Kamera und Handy-App sind schnell aufgestellt, installiert und einsatzbereit. Ich beobachte uns also sofort…

… und mache testweise das Licht aus…

Als wir auf den Weihnachtsmarkt gehen, nerve ich meinen Mann damit, alle paar Minuten nachschauen zu wollen, was die Hunde machen. Beim ersten Mal habe ich die Kamera nicht gut aufgestellt, es ist niemand zu sehen – wir haben ein großes Haus, und ich weiß nicht, wo die zwei sich aufhalten, wenn sie allein sind.

Am nächsten Tag stelle ich sie im Flur auf, durch den Weitwinkel kommt tatsächlich recht viel drauf, und ich sehe die Küchentür, den Weg zur Haustür und in mein Arbeitszimmer mit dem beliebten Lesesessel:

Bevor ich gehe, probiere ich die Leckerliwerf-Funktion aus. Es wird in der Anleitung darauf hingewiesen, dass man den Hund nicht mit Leckerli bewerfen soll – aber wirklich steuern lässt sich das nicht. Der Wurfwinkel ist allerdings gut gewählt, so dass die Leckerli in einer  schönen Kurve von der Kommode herunterfliegen. Die dauerhungrige Habca findet das prima, ich habe zunächst Sorge, sie würde nur vor dem Gerät sitzen bleiben oder es sogar anbellen – tut sie aber nicht.

Von unterwegs sehe ich das:

Die App-Bedienung ist wirklich einfach: links die Funktionen zum Filmen und Fotografieren, das in der Mitte unten ist die Keks-Wurf-Taste, und rechts das Mikrofon, um mit dem Hund zu sprechen.

Leider sehe ich auch, dass die kleine Rike ziemlich lange ziemlich unentspannt im Flur steht, bevor sie im Arbeitszimmer verschwindet. Das ist eine interessante Information für mich – ich hatte bisher den Hinweis, dass sie aufgeregt ist, wenn ich gehe oder zurück komme, wusste aber wenig darüber, was sie in meiner Abwesenheit tut.

Interaktion aus der Ferne?

Soweit die Kamerafunktionen, die ich, kurz gesagt, prima finde. Was ist aber mit den „Special Effects“ der Furbo-Kamera? „Zusammen sein. Auch wenn man getrennt ist.“ steht auf der Packung, und darunter ein Bild von einer Hand, die eine Pfote hält. Man könne mit dem Hund spielen, ohne vor Ort zu sein (https://shopde.furbo.com/pages/made-for-dogs-camera), man könne ihn mit der Stimme beruhigen, wenn er bellt, oder gutes Verhalten mit Leckerlis belohnen.

Tatsächlich habe ich mit diesen Punkten ein paar Probleme, und bin gespannt, wie meine Hunde reagieren. Ich lasse meinen Mann über das Mikrofon sprechen, während ich selbst mit den Hunden im Raum bleibe, um sie zu beobachten. Sie reagieren sehr aufgeregt, als sie seine (ziemlich verzerrte) Stimme hören, und fangen an, ihn zu suchen. Das hatte ich befürchtet: zumindest meine Hunde haben einfach nicht die Medien-Kompetenz um durch die Stimme ein Gefühl von nicht-allein-sein bekommen können zu können. Sie wollen den ganzen Mensch. Wenn sie interessante Geräusche hört (Tiergeräusche im Fernsehen!), fängt Rike immer an zu suchen, wo das herkommt, und umkreist auch den Fernseher.

Und die fliegenden Leckerli? Ihr seht in den Videos, dass Rike das Geräusch, dass das Gerät vorm Ausspucken macht, gruselig findet. Das hat mich etwas überrascht, weil sie andere Leckerli-ausspuckende Geräte kennt, die ein (in meinen Ohren) ähnliches Geräusch machen. Im zweiten Film muss sie sogar Schutz bei mir suchen. Ihr könnt das Geräusch hören, wenn ihr den Ton anmacht. Ich persönlich finde den Punkt nicht so schlimm, weil man das recht gut und schnell trainieren können sollte. Aber wenn Euer Hund eh geräuschempfindlich ist, könnte es euch bzw. ihm das Leben unnötig schwer machen.

Hunde allein zuhaus/ Furbo-Hundekamera im Test 1 from Miriam Arndt-Gabriel on Vimeo.

Hunde allein zuhaus/ Furbo-Hundekamera im Test 2 from Miriam Arndt-Gabriel on Vimeo.

Ist das Werfen von Leckerlis aus einer Maschine eine gute Beschäftigung für einen Hund, der gerade allein zuhause ist? Ich fürchte nicht. Ich bevorzuge ruhige Beschäftigungsangebote wie einen Kong zum Ausschlecken, eine Schnüffelmatte, etc. Das unvorhersehbare Werfen von Leckerlis ist zu aufregend für einen Hund, der ruhen soll.

Mein Resümée

Ich finde die Furbo-Hundekamera ein hilfreiches Instrument zur Begleitung eines fundierten Trainings. Wenn schon ein Problem mit Trennungsstress bekannt ist, oder sich durch die Beobachtung mit der Kamera zeigt, empfehle ich dabei unbedingt die Anleitung eines kompetenten und mit Trennungsstress erfahrenen Trainers. Trennungsstress ist kein Ungehorsam und nichts, was sich auswächst oder wo der Hund sich dran gewöhnt, sondern ein schwerwiegendes, ernstzunehmendes Problem, das das gesamte Leben des Hundes beeinträchtigen kann.

Ich glaube nicht, dass die Furbo-Kamera (oder irgendein anderes technisches Gerät) einem Hund, der an Trennungsstress leidet, das Alleinbleiben wirklich erleichtern kann. Aus Hundesicht erscheint mir eine Verbindung über ein technisches Medium nicht möglich. Ich rate davon ab, Leckerliwurf und Fern-Ansprache für einen Hund, der alleine ist, zu nutzen.

Die Bell-Erkennung, das Weitwinkelobjektiv, die Nachtsicht, die stabile Live-Übertragung haben mich positiv überrascht. Leckerliwurf und Fern-Ansprache werde ich anders nutzen, nämlich so wie andere Leckerliautomaten („Manner’s Minder“, „Pet Tutor“ etc.) auch: um Verhalten zu belohnen, das von mir weg stattfinden soll, zum Beispiel auf eine Decke gehen, die nicht bei mir ist, aus dem Zimmer gehen, sich an weiter entfernte Orte schicken lassen usw.

In der Kombination von (sehr guter) Kamera und Leckerliautomat ist die Furbo-Hundekamera dann meines Erachtens auch ihren Preis wert, auch wenn ich die Kombination nicht als Kombination nutzen würde. (Ihr versteht, was ich meine, oder?)

Und, abgesehen von Hundetraining, macht mir das Ding echt Spaß. Ich glaube, ich würde, wenn ich derzeit auf Parties gehen würde, die ganze Zeit in der Ecke stehen und auf mein Handy starren und gucken, was meine Hunde machen! Wie sinnvoll das ist, dürft ihr euch selbst überlegen… Übrigens gab es mal eine Studie, dass Hunde, deren Halter Probleme mit Trennungen haben, auch mehr Trennungsstress hätten. Ich glaube nicht, dass das so 1:1 stimmt, dafür ist das Problem Trennungsstress zu komplex. Aber es mag schon sein, dass es für einen Hund (ohne vorherige Auffälligkeiten) leichter ist, selbstverständlich und zuversichtlich allein gelassen zu werden, als wenn Frauchen ein Riesentheater macht und anschließend die ganze Zeit am Handy hängt. Wenn allerdings die Möglichkeit, mal schnell nachgucken zu können, zu mehr Ruhe bei Frauchen führt, ist ja wieder was gewonnen…

Die Kamera gibt es hier beim Hersteller und bei den üblichen Verdächtigen.

 

Mehr über Trennungsangst, Trennungsstress & Co.:

 

„The greatest fear dogs know is the fear that you will not come back when you go out the door without them.“

Stanley Coren, Hundepsychologe