In Tibetterrier


Heute im Mauerpark hatte eine Hundebesitzerin ihre Trainerin dabei. Die erklärte ihr das Verhalten der sieben, acht Hunde, mit denen wir auf der Wiese herumstanden: Ein klitzekleiner weißer Welpe, ein kläffender Yorkie, der immer, wenn er an seinem Besitzer hochsprang, Leckerlie bekam, ein Jack-Russel-Welpe, der quietschte, wenn jemand an ihm vorbeirannte, eine schnorchelnde Englische Bulldogge, ein quirliger schwarzer Hütehundmix, ein großer roter Australian Shepherd, und Habca. Natürlich hatte die Trainerin an allen Hunden und ihren Besitzern etwas auszusetzen. Ist ja auch fein, da lernt man was.
Die beiden sprachen dann über Habca, die mit dem schwarzen Mix spielte. Sie rannten ein Stück, rauften wild, und dann lief Habca zu mir zurück, stupste mich mit dem Hintern an, und rannte wieder zum anderen Hund. Als Welpe hat sie immer sehr dicht bei mir gespielt, mit der Zeit lernte sie, sich immer mehr zu entfernen, und dieses „Abklatschen“ scheint mir so eine Art Zwischenlösung zu sein. Oft lässt sie es auch, und rennt wild mit Hunden herum, die sie gut kennt, bleibt dabei aber immer sehr aufmerksam auf meine Bewegungen. Dieses Verhalten hat meines Erachtens Vor- und Nachteile, und es hat mehrere Ursachen.
Die Expertin im Park nun erklärte ihrer Klientin „Tibetterrier sind generell sehr unsicher.“ Ich glaube, ich weiß was sie meint – aber kann man das so sagen?

Wie ein Hund sich verhält, hängt meines Erachtens von mindestens drei Faktoren ab: Rasse (genetische Veranlagung), Sozialisierung und Individualität.

Mit „Sozialisierung“ sind besonders die frühen Erfahrungen gemeint, die ein Welpe während besonders empfindsamer Entwicklungsphasen macht.

Die Individualität von Hunden wurde lange unterschätzt. In einem Wurf kann es charakterlich sehr unterschiedliche Hunde geben: Den Draufgänger und den Vorsichtigen, beispielsweise. Das muss nicht so bleiben, aber das ist eine Grundlage, auf der spätere Erfahrungen aufbauen. „Individualität“ ist nicht nur genetisch gemeint, auch spätere Erfahrungen tragen zu unterschiedlichen Verhaltensweisen und Reaktionen bei.

Sozialisierung und Individualität (Veranlagung und Erlebnisse) erklären meines Erachtens das Verhalten eines Hundes schon sehr weit.

Welche Rolle spielt dann die Rasse?

Manche Hunderassen gibt es schon sehr lange. Mittelgroße zottige Hunde in Tibet zum Beispiel wurden schon vor ca. 2000 Jahren gesichtet. Obwohl es in Tibet keine Reinzucht dieser Rasse gab, sind doch zumindest die sechs tibetischen Rassen weitgehend von anderen Hunden abgeschieden gewesen, sie lebten über sehr lange Zeit unter den gleichen harten Lebensbedingungen und auf eine bestimmte Art mit Menschen zusammen. Diese Jahrtausende alte Geschichte tragen die heutigen tibetischen Hunde noch in sich. Die Zeit, die sie in Europa verbracht haben – seit den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts – ist dagegen nur ein kurzer Moment. Der hat zwar im äußeren Erscheinungsbild der Rassen einiges verändert, verliert aber gegenüber der genetisch eingeschriebenen charakterlichen und körperlichen Merkmale an Bedeutung.

Die tibetischen Hunde wurden in Tibet weniger durch ihr Aussehen als durch ihre Aufgabe unterschieden. (Darüber später einmal mehr.) Obwohl die tibetischen Rassen sehr unterschiedlich aussehen, waren ihnen viele prägende Umstände gemeinsam: Sie lebten in einem sehr kargen Land und rauen klimatischen Bedingungen mehr (der Tibet Spaniel der die meditierenden Mönche wärmte) oder weniger (der selbstständige Do Khyi) eng mit Menschen zusammen. Tibeter, etwa seit dem sechsten nachristlichen Jahrhundert buddhistisch geprägt, achten ihre Hunde als gleichberechtigte Lebewesen und Partner oder gar Familienmitglieder. Dennoch arbeiteten viele der Hunde (der Do Khyi und der Tibet Terrier) sehr selbsttändig bei den Herden oder bewachten die Hirten oder die Lehmhütten. Fremde kamen nur selten in das unwegsame Tibet.

Was bedeutet das für die Tibetischen Hunde?

In der Philosophie spricht man gerne von einer „Disposition“: Eine Art Veranlagung, sich auf eine bestimmte Art zu verhalten. Nicht jeder tibetische Hund ist Fremden gegenüber skeptisch – hier spielen wiederum Sozialisierung und Individualität eine Rolle. Aber die Bereitschaft dazu, sich Fremden gegenüber äußerst zurückhaltend, manchmal sogar aggressiv zu verhalten – die ist den Tibetern aus ihrer Geschichte mitgegeben. Was wir heute damit machen, das ist eine andere Frage.

Ebenso haben die tibetischen Rassen die Disposition, sich sehr eng an ihren Menschen anzuschließen, eine sehr enge Bindung einzugehen und ganz aufmerksam auf diesen einen Menschen oder auf die Menschen ihrer Familie einzugehen und zu reagieren.

Gleichzeitig haben sie sich eine große Selbsttändigkeit bewahrt, die diese Hunde über Jahrhunderte hinweg brauchten. In Rassebeschreibungen wird diese oft als Dickköpfigkeit oder Sturheit bezeichnet. Oft liest man auch, der Tibetterrier wolle den Sinn eines Befehls erklärt haben, bevor er erwäge ihn auszuführen. In dieser Grundsätzlichkeit ist das natürlich falsch – aber eine Disposition zur Selbsttändigkeit hatte ihren Sinn.

Vorsicht ist etwas, das ein Hund in Tibets Bergland brauchen konnte – wenn er einen unbekannten weg ging, kletterte, wenn Unbekannte sich näherten. Vorsicht ist nicht Unsicherheit. Im Gegenteil: Alle tibetischen Rassen gelten als außergewöhnlich mutig.

Die Frage – sagt der Philosoph – ist, was „Mut“ heißt. Ist der Klische-Labbi der Mutige, der zu allen Fremden schwanzwedelnd hinläuft und ihnen die Hände leckt? Glauben Do Khyi oder Tibetterrier, ihre Familie sei in Gefahr, so werden sie nichts scheuen, den vermeintlichen Angreifer abzuwehren. Heute wollen wir in der Regel nicht, dass unsere Hunde uns beschützen. (Das hat auch damit zu tun, dass es für unsere Hunde schwerer geworden ist, einzuschätzen, wann uns echte Gefahr droht.) Wir wollen der „Pack Leader“ sein und einen entspannten Hund an unserer Seite haben, der uns die Führung blindlings und vertrauensvoll überläßt. Einen fröhlichen Hund, der weiß: Frauchen wird’s schon richten.

Für die tibetischen Hunde ist das, marktwirtschaftlich gesprochen, ein sehr neues Anforderungsprofil. In ihnen lebt noch eine ganz andere Geschichte. Als Disposition, die wir ernstnehmen sollten.

Nichts davon habe ich der Frau im Park gesagt. Viele Leute halten Habca für scheu oder gar ängstlich. Dazu beitragen, dass man sagt „Tibetterrier sind halt ängstlich“ will ich nicht. Eher dazu: Einmal darüber nachzudenken: was meine ich eigentlich mit ängstlich, und trifft das hier wirklich zu? Welche Gründe – in der individuellen Geschichte dieses Hundes, und in seiner genetischen Veranlagung – hat der Hund, sich jetzt hier so zu verhalten? Und wenn ich wirklich will, dass er sich ändert: Wie kann ich ihm das kommunizieren?

Bilder:
® Tibet Dogs
Native Tibetan Woman with Apso: „This beautiful photo was taken by the late Barbara Ratledge, Las-A-Rab Lhasa Apsos in Canada. Barbara made several trips to the Himalayas and was an avid supporter of the Gompa dogs. During one of her trips she met, and interviewed, Lama Gyen Yeshe“, found here.
Wo ich die Tibetische Flagge geklaut habe, weiß ich nicht mehr.

Linktipp:
Tibimaxe ist ein Do Khyi, aber vieles, was er über das Wesen dieser großen tibetischen Wach- und Herdenschutzhunde schreibt, lässt sich auch auf andere tibetische Rassen beziehen.

Showing 9 comments
  • Emil

    Diese Rasse-Beschreibung könnte ja fast die Beschreibung des Briards sein. Für mich kommt noch eines dazu: Diese Rassen sind oft sehr „Signalsensibel“. Das heisst, sie reagieren viel extremer auf Körpersprache von Menschen und Tieren. Da viele Menschen für Hunde in ihrer Körpersprache oft als wahre Trampel agieren – drüberbeugen, Kopf tatschen, anstarren – reagieren die Hunde dementsprechend beeindruckt oder verunsichert und werden dann als ängstlich abgestempel. Auch möchte ich Dir zustimmen, dass die Individualität des einzelnen Hundes viel mehr beachtet werden sollte.
    LG
    Emils Frauchen

  • Merlin + Dojan

    Dass sich jemand Hundetrainerin nennt, aber anscheinend noch nie von Scott und Fuller gehört hat ist eigentlich zum Totlachen. Kurz: die Variationen innerhalb einer Rasse sind grösser als die Variationen der Mittelwerte aller Rassen. Der Unterschied zwischen Tebietterrier A und Tibetterrier B kann grösser sein als der Unterschied zwischen einem „typischen“ Dobermann und einem „typischen“ Dackel.

    Wuffwuff
    Merlin und Dojan, 2 Briards, die teilweise so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht

  • Wurschti

    Merlin und Dojan, die Unterschiede Tag/Nacht sieht man ja schon in euren Farben. SCNR :-)

    Kann man nicht auch das Selbstbewusstsein fördern und einen Teil der Unsicherheit so von den Hunden nehmen? Ich lasse mich nun ganz häufig von fremden Personen anfassen, was früher undenkbar gewesen wäre…

    Außerdem finde ich zurückhaltende Hunde angenehmer als welche, die auf jeden zurennen und ihn abschlabbern.

    Selbstbewusste Grüße vom Wurschti

  • Persephone & Buster

    Our theory is that the same geographic and social characteristics that create distinct „human“ cultures also shape distinct canine temperaments. Thanks for the pictures–they communicate much about the role that Tibetan Terriers played in that part of the world for many centuries!

    We’re still very impressed with the German film, Die Höhle des gelben Hundes–it’s about Mongolia rather than Tibet, but it provides a beautiful window through which to view a certain culture and its relationship to animals.

    Cheers,

    Buster & Persephone

  • Habca & Miriam

    Lieber Emil,
    stimmt, vieles gilt vielleicht für Hirtenhunde im Allgemeinen. Signalsensibilität kenne ich auch und fand (und finde) ich auch schwierig immer dran zu denken… Agility kann da ein gutes Training sein, weil man es sich bewusst macht, dass der Hund jetzt wegen meiner milimetergroßen Schulterdrehung da rüber gelaufen ist. Interessantes Thema, muss ich noch weiter drüber nachdenken!

  • Habca & Miriam

    Lieber Wurschti,
    eine Gratwanderung: Selbstbewusstsein fördern finde ich auch ungeheuer wichtig und ist eines meiner Hauptziele mit Habca. Aber ich versuche auch, mir meine eigenen Wünsche bewusst zu machen, um ihr nicht unrecht zu tun: Denn einen dauerwedelnden, niemals bellenden, alle liebenden und die Einbrecher willkommen heißenden Goldie kann ich nicht aus ihr machen wollen. Irgendwo ist auch der Punkt zu sagen: Ihre Rasse hat diese Geschichte, und sie persönlich hat ihre Geschichte, und wir können viel damit machen (so ist sie meines Erachtens jetzt kein besonders ängstlicher Hund mehr), aber irgendwo ist halt auch Schluss und muss ich lernen zu sagen: okay, das ist Habca, und sie ist nicht in allen Punkten identisch mit meinem Traumhund, aber es ist eben mein Hund, den ich über alles liebe, und der es braucht, dass ich ihn akzeptiere. Das heisst ja nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Aber das heisst auch nicht, ihre Seele oder ihr Wesen als Wachs in meinen Händen zu betrachten, mit dem ich machen kann was ich will. – Siehst Du, die Kleine hat mich schon fast zur Buddhistin gemacht… ;-)

  • Habca & Miriam

    Sephie & Buster,
    I think your theory is right ut difficult to spell out… We have to work on that!
    The movie is really nice, I watched it shortly before I decided for Habca, and a friend who watched it with me tried for some days to make me call her „Zochor“. ;-) The landscape is impressive, isn’t it? I would love to go there one day…

  • Wurschti

    100% Zustimmung!
    Mit vielen Sachen hat das Wurschti enorm viele Fortschritte gemacht. Und dann kommt man zu einem Briard-Treffen und er ist immer noch ganz anders als die anderen. :-)
    Lustig ist er momentan ganz besonders. Freitag kam ich nach Hause und klopfte an der Tür (zugegebenermaßen um ihn zu ärgern). Ordnungsgemäß fing er an zu bellen. Als ich dann die Tür öffnete stand er ganz hinten im Flur und schaut ganz ängstlich, wer denn da wohl kommt. Ein echter Held, mein Lieblingshund!

    Viele Grüße,

    Jörg

  • Anonymous

    Nun haben wir schon die ersten 10 Jahre der Beobachtung des tibetischen Wesens bei unseren drei großen Tibetern(Do Khyi hinter uns. Sind sie unsicher? Oder sind sie einfach nur vorsichtig? Sie haben andere -Sinne- als die anderen westlichen Rassen die vorher mit uns durch das Leben gingen. Schärfere Sinne und eine Art Urhundeverhalten. Das wird oft als Unsicherheit in unserer westlichen Welt interpretiert, selbst von Hundefachleuten! Dieses Verhalten aber macht unsere Tibeter auch angenehm und umgänglich. Nie sind sie – auch wenn sie noch so neugierig sind, direkt -am Mann- sondern sie halten Sicherheitsabstand zu Fremden, sie biedern sich nicht an, sie wägen ab, schätzen ein und sich immer dabei auf ihre Sicherheit bedacht. Im Zweifelsfall umkreist man das -Objekt- und verbellt. Zeit für uns wie es uns unser Tibeter andeutet, das Objekt in Augenschein zu nehmen. Und gut ist. Der Tibeter kann zurück genommen werden, auch der Große und akzeptiert die Entscheidung seines Hundehalters, wenn er gut eingegliedert ist. Was wir ebenso an den Tibetern bewundern können ist dieses vollkommen intakte Sozialverhalten, in welches auch der Mensch einbezogen wird. Es sind Hunde über welche wir viel dazu lernen können über das einstmalige Verhältnis zwischen Mensch und Hund…
    Maxes Frauchen

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