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Wozu trainieren wir eigentlich unsere Hunde? Zu unserem eigenen Vergnügen, ja: weil es praktisch ist, oder niedlich, oder wir dadurch sportliche Erfolge oder Spaß haben oder einen Nutzen ziehen.

 

Aber sollte Training nicht in erster Linie dem Tier selbst zugute kommen?  

Das ist der Grundgedanke von „cooperative care“: ein Tier so zu trainieren, dass es eine möglichst aktive Rolle in seiner eigenen Pflege und Haltung einnehmen kann. „Medical care“ muss also nicht unbedingt „cooperative care“ sein, kann aber. Wichtig ist: es geht nicht in erster Linie um „praktisch/ einfacher für mich“, sondern um „angenehmer für das Tier“.

Was heißt „angenehm“? 

Angenehm heißt nicht unbedingt, dass Nägelschneiden/ Zähneputzen/ Entfilzen & Co. superduper sind – oder dass das Leben ein Ponyhof wäre. Eine notwendige Prozedur wird angenehm(er) durch:

  1. Zustimmung („consent“) des Tieres: es bekommt eine Möglichkeit „ja, weiter“ und „stop“/ „aufhören“/ „ich brauche eine Pause“ zu sagen. Ich habe gerade von einem Zahnarzt gelesen, bei dem die Patienten einen Stopp-Knopf für den Bohrer bekamen. Ja, am Anfang haben sie tatsächlich die Prozedur andauernd unterbrochen. Aber als sie sicher waren, dass sie den Bohrer notfalls stoppen können, haben sie den Arzt machen lassen, und es ging ihnen wesentlich besser. Das Gefühl von Kontrolle ist für alle Tiere so wichtig! Kontrolle nicht über den Besitzer und die Welt, sondern einfach nur Kontrolle über sich selbst, den eigenen Körper, und was mit ihm geschieht. Mehr zu dieser Idee im Blogpost „Minimal invasives Hundetraining“.  
  2. respektvollen und achtsamen Umgang mit dem Tier: meine Kunden lieben ihre Hunde ja durch die Bank weg. Sehr viele hauen ihnen trotzdem beim Laufen die Leine um die Beine, ziehen zackzack das Geschirr über den Kopf und drücken es dabei gegen die Augen oder klemmen die empfindlichen Ohren ein, und so weiter. Es macht einen Unterschied, ob man einen Hund liebevoll, achtsam, aufmerksam und mit Respekt anfasst und handelt, oder eilig und gedankenlos.
  3. so viel Selbstwirksamkeit und aktive Beteiligung des Tieres wie irgend möglich. Ich weiß, viele Hundehalter sind schon genervt vom Wunsch der Trainer, dass der Hund seinen Kopf aktiv durch Halsband oder Geschirr stecken soll. Aber es macht wirklich einen Unterschied! Denkt nur daran, euch selbst einen Pullover anzuziehen, oder von einem wohlmeinenden Partner da reingewurschtelt zu werden. Denkt daran, wie unangenehm es als Kind war, gebürstet zu werden, und wie viel angenehmer es ist, sich selbst zu bürsten. Denkt an das Gefühl „ich kann das selbst!“ und auch an die Wichtigkeit, über den eigenen Körper bestimmen zu können. Warum sollte das Hunden anders ergehen? Und ist es wirklich so viel mehr Aufwand, den Hund zu bitten, mal darüber zu gehen (ihm also beizubringen, der Hand zu folgen, oder Targets zu nutzen, oder so etwas), als ihn hin- und her zu schieben und zu zerren?
  4. wenn ich etwas mit dem passiven Hund tun muss, kündige ich es wenigstens an. Erst recht, wenn es um eine Unterschreitung der Individualdistanz geht! Achtet mal darauf: kleine Hunde fliegen plötzlich in die Luft, Menschen greifen ihrem nichts ahnenden Hund an die Kehle (um ihn festzuhalten), man greift nach Pfoten, Schnauze, Ohr – eigentlich erstaunlich, dass da nicht mehr passiert.

Als meine Tibeterin Habca klein war, und zu mir zog, hatte ich über diese Dinge noch nicht nachgedacht. (Andere auch nicht, könnte ich zu meiner Rechtfertigung sagen – aber ist das wirklich eine Rechtfertigung?). Die Züchterin sagte: ans Bürsten muss man sie „gewöhnen“, vor allem nicht aufhören, wenn sie sich wehrt oder zappelt, irgendwann gibt sie schon auf.

 

Habca ist im Großen und Ganzen ein braver Hund geworden, was ihre Körperpflege angeht.

„Brav“ heißt: Bürsten ist doof, aber es gibt anschließend Belohnung, also hält sie es einigermaßen, mit viel Beschwichtigen und wenig Schnappen, aus. wenn sie mich mit ohrentropfenähnlichen Fläschchen sieht, haut sie ab. Beim Tierarzt gibt es sehr viel sehr leckeres Essen und, wenn etwas droht weh zu tun, einen Maulkorb. Baden ist ein Weltuntergang, aber sie würde sich nicht wehren.   

Ganz ehrlich: „brav“ ist das, was wir von Hunden (und Kindern, übrigens) erwarten, oder?

Aber geht es auch anders? Gewaltfrei? (Ja, ich finde, man kann das, was wir mit unseren „braven“ Hunden einfach so im Alltag tun, als Gewalt bezeichnen – dazu ein anderes Mal mehr.) Mit Einverständnis (1.), Respekt und Achtsamkeit (2.), möglichst aktivem Tier (3.) und nötigenfalls Vorankündigungen (4.)?  

Mit Rike versuche ich von Anfang an diesen gewaltfreien Weg zu gehen.

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Also versuchen wir uns an „kooperativem Nägelschneiden“.

Als erstes versucht man sich möglichst genau vorzustellen, wie das fertige Verhalten aussehen kann. Da Rike Festgehaltenwerden ganz grundsätzlich doof findet, will ich eine Methode, bei der ich ihre Pfote oder gar Zehen nicht festhalten muss. Mit der klassischen Klips-Zange oder Guillotine kann ich mir das nicht vorstellen, deshalb entscheide ich mich für eine elektrische Feile. Außerdem will ich ein Vorgehen,

  • bei dem kein zweiter Mensch notwendig ist (zwei Hände müssen reichen) – ich werde also z.B. keinen Klicker benutzen (sondern das Markerwort).
  • das für sie und mich einigermaßen bequem ist, denn mit der Feile dauert es ein bisschen länger
  • bei dem sie möglichst aktiv sein kann – mir schwebt erst vor, dass sie den Nagel irgendwie selbst dadrauf drückt
  • bei dem sie eine Möglichkeit hat, „Stopp“ zu sagen. Rike kennt das Bucket Game, aber es erscheint mir hier unpraktisch im Handling für mich

In unseren Ferien habe ich dann ein Setting gefunden, das für sie und mich passt. Da gab es so einen schönen, robusten, nicht rutschigen Holztisch mit einer relativ „scharfen“ Kante. Ich habe Rike beigebracht (mit einer Mischung uns Locken und Shapen) eine Pfote so an die Kante zu stellen, dass ich perfekt an die Kralle dran kam. Zuhause hatten wir schon das Gerät kennengelernt, das Geräusch schöngefüttert, die Pfote darauf gelegt, Nasentouch daran gemacht, usw.

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Nun hat sie noch gelernt, dass ich aufhöre, wenn sie die Pfote wegzieht oder rumhampelt. Natürlich gibt es dann auch kein Klick&Keks mehr. Auch kein Signal. Wenn sie mag/ so weit ist, kann sie die Stellung wieder einnehmen, und es geht weiter. Das Gerät habe ich dabei die ganze Zeit angelassen, so war ich schneller und das Geräusch unwichtiger.

Leider fiel mir erst später auf, dass das Setting auf die Hinterpfoten nicht 1:1 übertragbar ist. Sie steht dazu jetzt trotzdem auf dem Tisch, und stellt ihre Hinterpfote auf ein kleines Kistchen. Wenn sie sie wegnimmt, höre ich auf. Ich mache das als Hinterpfotentarget – sie soll sie ja selber aktiv darauf stellen. Ein Hinterpfotentarget ist ein bisschen aufwendiger zu trainieren. Rike konnte es eh schon, aber vielleicht fällt einem auch noch eine Lösung ohne ein.

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Wir feilen immer nur ein paar Krallen, aber das finde ich völlig okay. Ich habe selber auch keine Lust auf ewige kosmetische Sitzungen, und höre lieber etwas früher auf. Ich würde sagen, Nägelschneiden ist eins von Rikes neuen Lieblingshobbies! Hey, man darf dabei auf dem Tisch stehen! 

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Comments
  • Socke-nHalterin

    Das ist ein ganz wunderbarer Beitrag, der mich in meinem Tun sehr bestärkt und mich weiter darauf achten lässt, wie ich mit Socke umgehe. Ich bitte Socke ganz oft, versuche viel Rücksicht bei der Pflege zu nehmen und achte auf einen respektvollen Umgang. Oft wird man dafür für verrückt gehalten. Aber zu uns passt es.

    Die Sache mit dem Halsband muss ich noch lernen. Ich streife es ihr vorsichtig über, habe es sie noch nie selbst machen lassen. Und den Regenmantel anziehen erfordert schon etwas Geduld, weil Socke immer weiterläuft. Ich halte ihn aber für wichtig, um ihren Rücken vor den kalten Regentropfen zu schützen. Aber ich versuche alles recht vorsichtig zu machen und Socke zu loben oder zu belohnen. Oft erkläre ich ihr auch, warum ich etwas tue. Nicht, weil Socke meine Worte annähernd verstehen könnte. Ich glaube aber, dass ich mit dem Gesagten authentischer bin und Socke durch meine Gefühle und mein Handeln zum Verstehen bringe.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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