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Ich habe vor ein paar Tagen eine Sendung auf arte gesehen, eine Reihe, die sich jeden Tag mit einer Tierart beschäftigt, und der Promi-Philosoph Richard David Precht steht in einer virtuellen Schauwand-Kulisse und sagt ein paar tiefsinnige Sätze dazu. Ich fand Prechts Buch „Tiere denken“ gar nicht schlecht, und ich finde es prima, dass er die Philosophie mehr in die Öffentlichkeit holt. Ich bin aber skeptisch, wenn ein Mensch sich den Titel „Philosoph“ aufklebt (oder von anderen aufgeklebt bekommt?) und unter diesem Vorwand über alles und jeden ein bisschen was erzählt. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Philosophie.

Wie auch immer, jedenfalls ging es an diesem Tag, an dem ich also aus Gründen oder auch zufällig Zeit hatte, nachmittags fernzusehen, in dieser Reihe um Hunde.

Es wurden drei Menschen vorgestellt, die mit Hunden oder Wölfen arbeiten, das war ganz interessant (ein Bettwanzensuchhund am Frankfurter Flughafen, ein Mann, der Wölfe in einem Gehege hält, und ein Mann, der mit seinen dreißig Huskies in Schweden lebt). Dann gab es Einspieler, in denen eine veraltete Domestikationstheorie des Hundes erklärt wurde, oder in welchem Land es wie viele Hunde gibt. Und dann gab es den Philosoph.

Der Philosoph sagte: Der Hund sei so wahnsinnig gut auf den Mensch zu „prägen“, und das würden Menschen mögen, und je mehr sie den Hund auf sich „prägten“, desto mehr erkennen Menschen sich selbst in ihm wieder – und das sei es, was Menschen wollen.

Später sagt er noch, Hunde seien grundsätzlich „devot“. Und er möge ja lieber Tiere, die sich nicht anfassen lassen, weil er Tiere, die sich anfassen lassen, „langweilig“ fände.

Mmh.

Die biologisch falsche Verwendung des Wortes „prägen“? Geschenkt. An der Sendung war biologisch einiges falsch, angefangen mit der untergeschobenen Gleichsetzung von Hund und Wolf.

Was mich tatsächlich noch mehr irritiert, ist die Unterstellung, was Menschen in ihren Hunden sehen. Oder lieben. Oder: suchen.

Seit den ganzen Jahren, die ich mit überwiegend gerade nicht so glücklichen Mensch-Hund-Teams arbeite, frage ich mich: warum tun Menschen das? Warum holen sie sich ein Tier ins Haus, überschütten es mit Erwartungen, mit Liebe, mit gut gemeinten Erziehungsversuchen? Was erwarten sie sich? Welches Bedürfnis liegt dem zugrunde?

Ich glaube, dass man da viele spannende Dinge zu sagen kann, und viele Autoren haben das auch schon versucht.

Die Annahme „Menschen haben Hunde, weil sie sich selbst in ihnen wieder erkennen“ – also, die finde ich langweilig! ;-) Die finde ich auch weit hergeholt, realitätsfern, und um die Ecke gedacht.

Ich bin mir natürlich nicht ganz sicher, was er damit meint. Wohl wollend würde ich unterstellen: eine Vergewisserung der eigenen Identität vielleicht. Bei all den Veränderungen im Leben, den Rollen, die ich spiele, erkennt mein Hund mich immer wieder. Er zweifelt nicht an meiner Echtheit, an meiner Identität mit mir selbst.

Aber ist das alles? Geht es darum?

Wenn ich mit einem Gedanken nicht weiterkomme, steige ich gern auf den höchsten Gipfel, der gerade da ist.

Ich finde, auf Bergen kann man besser denken.

Ich schaute meinen Hunden zu, wie sie Hunde waren. Den Weg erkundeten. Wie sie mit mir sprachen: mir erzählten, dass da links Wild ist, und dass es hier echt spannend riecht, und ob ich es gut fände, wenn sie auf den Felsen springen, schliesslich mag ich sowas meistens?

Ich konnte mich ganz zurücknehmen, sie beobachten, auch dem kleinen Rikchen wieder besser vertrauen, mit der ich gerade ein kleines Reh-Thema habe. Irgendwie passte es, dass Nebel auf dem Gipfel lag, dass es gar keinen Ausblick gab, und das alles ein wenig nach Taunus aussah. Ich brauchte keinen Ausblick, weil die Antwort direkt hier war.

Ich versuchte, die Hunde zu sehen wie wilde Tiere, die ich im Wald beobachte.

Ich versuchte, meine Hunde zu sehen.

Jemanden sehen heißt für mich: ihn als Subjekt sehen, nicht als Objekt. Als Hauptdarsteller seines eigenen Lebens, nicht als Nebendarsteller in meinem.

Wie langweilig, jemanden zu mögen, weil er ein Spiegelbild oder Abbild meiner selbst ist.

Wie aufregend, mit jemandem so viel Nähe haben zu können, der so anders ist als ich. So fremd. Ich meine, seht euch diese Tiere im Wald an! Seht euch eure Hunde an! Was die riechen, was die wahrnehmen! Was die fühlen! Ihr Zugang zu wilder Wut, zu Jagdfieber, zu Zärtlichkeit und Fürsorge. Ihre Leidenschaft und Hingabe, mit der sie eine Spur verfolgen. Ihre Fähigkeit, Dinge wichtig finden zu können, die uns oft abgeht: dieser Weg muss jetzt erforscht werden! Es gibt nichts wichtigeres als diesen Weg!

Ich fand meine Hunde sehr fremd an diesem Tag, und wir setzten uns auf einen Felsen und teilten unser Picknick aus Knäckebrot und einer Möhre gerecht auf.

Manchmal ist es ihre Fähigkeit, Nähe herzustellen und zu leben, die ich an meinen Hunden liebe. An diesem Tag war es ihre Fremdheit, das Wilde in ihnen, die Natur in ihnen, die Widerständigkeit. Das, was nicht in mein ordentliches Menschenleben passt. Das, was mich ärgert und aufreibt und berührt. Das, was sie mir in einer Landschaft zeigen, was ich nicht eh schon selbst gesehen und gewusst hätte.

Warum lieben Menschen Hunde?

Warum lieben (viele) Frauen Männer?

Sind Antworten auf solche Fragen nicht immer Klischees?

 

 

Ihr könnt die angesprochene Sendung unter https://www.arte.tv/de/videos/070357-001-A/animalisch-das-tier-und-wir/ anschauen, und sie wird am am Montag 4. Juni um 15:30h auf Arte wiederholt.