hundephilosophin1708-12
Hunde und Menschen sind soziale Lebewesen, sie kommunizieren (fast) den ganzen Tag.  Wer üben will, Hunde besser zu verstehen, hat deshalb viel Übungsgelegenheit. Schwierig macht es nur, gerade am Anfang, dass Hunde so schnell sind. Ich lasse meine Kunden deshalb mit Fotos anfangen, dann kann man Videos, und dann das echte Leben. Videos kann man nämlich mehrmals angucken, oder in Zeitlupe.
 
Manchmal filme ich irgendeine Interaktion zwischen meinen zwei Hündinnen – und staune dann oft selbst. Was da in einer Minute alles abgeht! Was die sich alles „sagen“! Das verpasst man live tatsächlich oft.
 

Ein kleines Video

Vor ein paar Tagen habe ich in meiner Mittagspause meine zwei Hündinnen gefilmt, und das Ergebnis auf meiner Facebook-Seite veröffentlicht: https://www.facebook.com/hundephilosophin/videos/1538509522862312/
 

https://www.youtube.com/watch?v=Ib55KTEKdto&feature=youtu.be
 
Spannend finde ich, dass jeder, der sich den Film anschaute, Geschichten sah. In den Kommentaren wurde geschrieben „Rike fragt“, „Rike bittet“, „Habca erlaubt“ usw. Menschen können gar nicht anders, als Geschichten zu sehen, und Absichten (Intentionen) zuzuschreiben.
 
Ein Beispiel, dass in der Psychologie dafür benutzt wird, sind diese Dreiecke: coaxing
[Quelle: https://sites.google.com/site/utafrith/research/animations].
 
Habt ihr es auch gesehen? Wie das große Dreieck das kleine zwingt, rauszugehen? Oder hat es ihm geholfen? Es überredet? Und wie nett sie am Ende miteinander spielen? Viele erkennen sogar Mutter und Kind in den Figuren.
 
Man nennt diese Zuschreibungen von Absichten, Gefühlen und Gedanken in der Philosophie „Mindreading“.  Im Alltag sind wir uns oft einig darüber, dass ein anderer in seinem Handeln seine Absichten und Gefühle offenbart. Da, wo wir es nicht sind, entstehen Konflikte.
 
Wenn ich mit dem Dreiecks-Video zu vier verschiedenen Hundetrainern gehen würde (ich könnte ja nette kleine Hunde-Symbole benutzen), würde ich drei bis fünf Interpretationen bekommen. Und auf diesen Interpretationen fußen Handlungsempfehlungen gegenüber meinem Hund. Der eine würde vielleicht sagen, das große Dreieck dürfte auf keinen Fall mehr aufs Sofa. Der andere, ich müsste beim kleinen Dreieck die Ernährung umstellen und ihm Beruhigungstabletten geben (der hat ja Angst vor der Außenwelt!). Der dritte findet meine Hunde dominant.
 
Vor diesen Interpretationen kann man sich so erschrecken, dass man Behaviorist wird. Das heißt, dass man sagt, innere Zustände (wie „glauben“, „hoffen“, „wollen“) könnte man nicht erkennen – nicht bei Dreiecken und/ oder nicht bei Hunden und/ oder nicht bei anderen Menschen. Deshalb hielte man sich besser an das, was man auch beobachten kann: das Verhalten.
 
Oder, philosophisch ausgedrückt:   
Die Bedeutung mentaler Prädikate (glauben, wünschen, Schmerzen haben) liegt nicht in ihrer Referenz auf ein nicht-beobachtbares mentales Ereignis, das sich irgendwie im Innern der betreffenden Person abspielt. Sondern mentale Prädikate erhalten ihre Bedeutung durch Verhaltensdispositionen der betreffenden Person.   
 
Da wir Menschen aber Geschichten sehen, und nicht Verhalten, fällt es uns total schwer, uns auf das zu beschränken, was wir tatsächlich sehen! Gerade deshalb ist es aber eine gute und wichtige Übung, das immer wieder zu tun:
- wenn ich es immer wieder übe, sehe ich tatsächlich irgendwann in der Situation mehr
- wenn ich mit jemandem darüber sprechen möchte, was Tiere/ Dreiecke/ andere Menschen tun, ist es ausgesprochen hilfreich, sich erstmal darüber zu einigen, was wir denn sehen
- wir haben – als Menschen – beim Sehen schon Gefühle. Umso mehr haben wir Gefühle, wenn wir Teilnehmer sind. Wir ergreifen innerlich Partei für einen Hund/ ein Dreieck. Einer tut uns Leid, einer begeistert uns. All das verändert unsere Wahrnehmung. Denn unser Gehirn hat es lieber, wenn unsere Wahrnehmung mit unseren Gefühlen übereinstimmt. Wenn ich also beispielsweise im Hundefilm oben schnell das Gefühl habe, dass der rechte Hund dem linken großzügig das Kau-Objekt überlässt, werde ich im Verlauf mehr Zeichen dafür entdecken, dass der rechte Hund souverän und großzügig ist. Wenn ich dagegen zu Beginn finde, dass der linke ganz schön offensiv fixiert, werde ich vielleicht beim rechten mehr Stresszeichen sehen! Durch Beschreiben – am besten tatsächlich schriftlich – disziplinieren wir uns zu „Objektivität“ (in Anführungszeichen, weil es das vielleicht gar nicht gibt).
 

Beschreiben ist Übungssache.

 Wer üben mag, sollte JETZT aufhören zu lesen, und das Video von Habca und Rike beschreiben.
 
Wer viel Sehen & Beschreiben übt – außer Verhaltensbeobachtern aller Art – sind Künstler und Kunsthistoriker. Daran hat mich die Künstlerin Pedi Matthies (Hundenerd) erinnert, und hat sich netterweise bereiterklärt, das obige Video zu beschreiben: 
 

Video-Beschreibung von Pedi

Wir sehen ein Innenraumszenario. Mittig im Hintergrund hängt eine Jeans. Links daneben scheint ein Regal oder ähnliches zu sein, mit verschiedenen Inhalten, auf die ich hier nicht weiter eingehe. Auf der linken Seite im Hintergrund ist ein Bettende, mit weissem Handtuch darüber gelegt.
Im Mittelgrund ist blau, weiss, rosa gemusterte, unordentliche Bettwäsche auf einem beigen Laken zu sehen. Worauf ein rosa Kong und ein getrockneter Tierhuf liegen. 
 
Links steht ein kleiner, schwarzer Hund mit spitzen Ohren und hervorstechenden Augen. Dieser Hund heisst Rieke und wird fortan als solcher genannt.
Rechts im Bild ist ein wuscheliger, schwarzer Hund, mit Schlappohren zu sehen. Fortan Habca genannt. Die Größe ist nicht genau erkennbar, da der Bildausschnitt nur bis zu den Schultern reicht. 
 
Die Interaktion dieser beiden Hunde wird nun beschrieben: 
Rieke starrt mit weitaufgerissenen Augen auf Habca, diese Schaut an ihr vorbei. Rieke verlagert das Körpergewicht nach hinten. Habca schaut in Richtung Filmer und kurz zurück in Rieke´s Position. Rieke sucht Blickkontakt und leckt sich kurz die Lefzen. Der Mensch der Filmt, streichelt die Halsseite von Habca. Rieke schaut ganz nach links. Habca leckt sich die Lefzen und schaut wieder zum Menschen.
Das Maul von Habca ist leicht geöffnet, sich hechelt etwas.
Rieke schaut weiter komplett nach links. Dann sucht sie Blickkontakt mit Habca. Verlagert das Gewicht nach hinten.
Habca schaut auf den getrockneten Huf und verlagert ihr Gewicht nach vorne.
Durch die langen Haare von Habca kann man nicht sehen, ob sie Rieke anschaut oder den getrockneten Huf. Rieke schluckt und schaut of Habca bis diese sich wieder dem Filmer zuwendet.
Rieke schaut auf den Huf, auf Habca und zur Filmerin, dann berührt sie mit ihrer linken Pfote die linke Pfote von Habca. Legt sich hin, steckt kurz die Zunge raus und schaut Richtung Huf. Habca schaut zum Filmer.Rieke berührt mit der Zunge die Pfote von Habca, scheint daran zu schnüffeln. Habca schaut zum Filmer und bewegt ihre Pfote. Rieke legt den Kopf an und bewegt die Ohren zurück. Rieke schaut zum Filmer, dann zum Huf. Schnüffelt etwas und steht auf. Habca verlagert nun den Blick in Richtung Rieke. Rieke schaut kurz in Habca´s Richtung. Habca schaut an ihr vorbei. Rieke nimmt den Huf in den Fang.Habca schaut ihr zu.
Rieke dreht sich nach links, entspannt die Körperhaltung. Habca steht auf und geht zum Filmer.
 
 Schonmal gut, oder? Wenn Eure Beschreibung ein bisschen anders ist, ist nicht schlimm – jeder sieht etwas anderes. Wir sollten versuchen, so viel wie möglich zu sehen. Vielleicht ist euch beim Beschreiben auch schon aufgefallen, dass euch Informationen fehlen. Zum Beispiel, dass man die Schwänze der Hunde nicht sieht, oder dass man nicht sieht, wer das Video gemacht hat. Gut wäre auch zu wissen, was vorher und nachher passiert ist. Es gibt auch Dinge, die uns nicht auffallen, aber relevant sein könnten. Zum Beispiel wissen wir seit einiger Zeit, dass Hunde das Erdmagnetfeld wahrnehmen können – Menschen nicht. Das können wir also nicht in unsere Beschreibung aufnehmen.
 
Ich benutze gern eine Checkliste, was meine (ethologische) Beschreibung auf jeden Fall berücksichtigen sollte, die habe ich von Ute Blaschke-Bertholds DVD „Das Kleingedruckte in der Körpersprache des Hundes”:
  • Körperposition (zueinander), Distanz
  • Körperhaltung, Körperschwerpunkt
  • Beine
  • Bewegung
  • Kopfhaltung
  • Mimik: Stirn, Fang, Lippenspalt, Lefzen, Ohren, Augen, Art des Blicks, Augenbrauen
  • Hautfalten, Piloerektion
  • Lautäußerung
  • Schwanzhaltung, Schwanzbewegung 
 

Meine Beschreibung ist damit:

 Zwei Hunde, Abstand zueinander ca 40cm
Kau-Objekt liegt an der linken Vorderpfote des linken Hundes, weiteres Objekt (rosa Kong) weiter von der Kamera weg, etwa zwischen den Hunden, etwas näher am linken
linker Hund (=Rike) frontal zum anderen ausgerichtet, steht oder sitzt, Körperschwerpunkt nach vorne (=zum anderen Hund) verlagert, linkes Vorderbein weiter nach vorne, vorm Schwerpunkt
Ohren aufgerichtet nach vorne
Maul geschlossen
Kopf aufgerichtet
Stirn glatt, kein Lippenspalt sichtbar
Schwanz nicht sichtbar
rechter Hund (= Habca) liegend, Distanz s. oben, Kopf zu R. gewandt, aus Körperachse abweichend. Maul geschlossen, Ohren zurück? (nicht gut sichtbar).
Rechter Hund fiepst, züngelt, wendet Blick von R. ab zu Filmerin (= Frauchen), danach bleibt Maul leicht geöffnet
linker Hund hält Blickkontakt zu Gesicht des rechten, Kopf bewegt sich mit, züngelt, ansonsten unverändert
linker Hund schaut 90 Grad nach links, schnelle, zackige Bewegung, rechter Hund folgt mit dem Kopf der Bewegung
rechter Hund hechelt hörbar, züngelt, grunzt
linker Hund verkürzt die Distanz, schnuppert (?) im Maulbereich des rechten, weiterhin frontal ausgerichtet
rechter dreht Kopf ein paar Grad Richtung Filmerin, hechelt weiterhin, wendet Blick weiter ab als Kopfdrehung, es wird Weiß im Auge sichtbar   
linker Hund bleibt währenddessen frontal, so dass er nun an rechtem Hund vorbei Richtung Wand schaut, Körper unbewegt/ starr
rechter Hund hechelt so stark, dass Körper sich mitbewegt
Blick des rechten Hundes wandert etwas Richtung linker Hund, aber nicht bis zu ihm hin – knurrt – linker Hund geht einen Schritt zurück, schaut rechtem Hund wieder ins Gesicht – rechter Hund schaut zum Kau-Ojekt, Kopf mitgedreht. Maul schließt sich. Haut leicht mit linker Vorderpfote. Körperschwerpunkt verlagert sich nach rechts.
Linker Hund schluckt oder rülpst deutlich sichtbar. Rechter Hund knurrt/ maunzt, beginnt dann wieder stark (= mit Bewegung des ganzen Körpers) zu hecheln, haut nochmal mit linker Vorderpfote auf der Stelle, dreht den Kopf weiter nach rechts, vom Objekt weg. Bewegt Kopf langsam zurück zum Filmer, also fast 180 Grad.
Linker Hund schaut auf Pfote des rechten Hundes, senkt dabei den Kopf etwas ab, ansonsten unverändert.
Rechter Hund maunzt. Linker Hund schaut zum Objekt, senkt dabei den Kopf deutlich, riecht evtl. daran, schaut dann zum rechten Hund, dann zum Filmer, insgesamt flüssige, weiche Bewegung.
Beide Hunde schauen in die Kamera. Rechter Hund bewegt die Augenbrauen, maunzt/ winselt.
Linker Hund schaut zum rechten Hund, leichte Hau-Bewegung mit linker Vorderpfote mit Vorwärtsbewegung auf Pfote des rechten Hundes zu, dabei Absenkung des Körpers, Blick bleibt im Gesicht des rechten Hundes.
Rechter Hund hechelt weiter, schaut kurz zum anderen Hund, dann zur Kamera, weiche Bewegungen, wenig Kopfbewegung.
Linker Hund legt sich hin, riecht dabei an Pfote des rechten Hundes.
Rechter Hund, hechelnd, deutlich Weiß im Auge, zieht Pfote weg, linker Hund folgt mit der Nase.
Mensch sagt „das kitzelt“, daraufhin schauen beide kurz zu Mensch, linker Hund schnell wieder weg Richtung zweites Objekt (rosa Kong), scheint an beiden Objekten zu schnuppern, setzt sich auf, linke Pfote schlägt dabei, riecht am Kau-Objekt Nr. 1, rechter Hund schaut dabei zu ihr.
Linker Hund schaut mit tief über dem Kau-Objekt gehaltenem Kopf zum rechten Hund, der schaut sofort weg (nach links). Ohren jetzt nach vorn.
Linker Hund leckt am Kau-Objekt, ergreift es mit den Zähnen, legt sich ab und wendet sich dabei deutlich von rechtem Hund ab, Distanz vergrößert. Ohren jetzt zur Seite, tiefer.
Rechter Hund steht auf und wendet sich ganz Mensch/ Kamera zu, vergrößert damit Distanz zu anderem Hund + Objekt, wendet sich von beidem ganz ab.  
 
Und das alles ist in unter einer Minute passiert! Mal ehrlich, wie viel davon habt ihr beim ersten Sehen mitgekriegt? Und wie viel hätten wir in der Live-Situation mitgekriegt? Und wenn am Ende “was passiert” wäre, wenn die sich gebissen hätten (denn beim Beißen wachen Menschen spätestens innerlich auf), hätten wir dann gesagt: “vorher war gar nichts, das war total aus dem Nichts”?
 

Und jetzt?

Tja, cool wäre natürlich, jetzt eine Art Lexikon heranzuziehen, das sowas sagt wie “wenn ein Hund von einem anderen wegguckt, heißt das XY”. Ganz so einfach ist es nicht, aber es gibt Versuche in die Richtung. Ich sage Euch auch gern meine Interpretation, und wie ich dazu komme, das so zu interpretieren – im zweiten Teil dieses Artikels. Weil dieser hier schon so lang ist, und weil ich euch bitten will, erstmal diese Botschaft hier mitzunehmen und sacken zu lassen:
 
Alles, was Euch jemand  über Euren Hund sagt, und was über die Ebene der reinen Beschreibung hinausgeht, ist eine Interpretation. Die kann richtig oder falsch sein. Niemand kann in die Köpfe der Hunde hineingucken. Unter uns Menschen funktioniert unsere Intuition, was die Körpersprache angeht, so gut, dass wir meistens nichtmal bemerken, dass wir ständig interpretieren. Mit Hunden funktioniert das nicht, sie sprechen eine andere Sprache. Mit viel Übung können wir lernen, auch sie intuitiv besser zu verstehen. Aber das nächste Mal, wenn Euch jemand sagt
  • “dein Hund ist frech”
  • “auf deinem Fuß zu liegen ist dominant”
  • “der Hund hat dem anderen gesagt, dass er den Kauknochen will, und der hat dann nachgegeben”
  • “dem ist langweilig, deshalb macht der das”
  • “der hat ohne Vorwarnung gebissen”
tut mir den Gefallen, und fragt nach:

“Was hast du beobachtet? Wieso schließt du genau DAS aus deinen Beobachtungen?”

 

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