In Hund und Baby, Hund und Kind, Hundeerziehung, Mensch-Hund-Beziehung, Schipperke, Schwanger mit Hund, Stress, Tibetterrier, Veränderung

Wir wollten alle zusammen rausgehen, die Hunde waren schon angezogen und standen an der Tür. Ein verdächtiges Geräusch – das Baby spuckt. Und lacht. Ich gehe hoch, ziehe sie komplett um. Die Hunde kommen mit, lagern um den Wickeltisch. Wir gehen wieder runter, die Hunde rennen zur Tür – da fällt dem Baby ein, dass es jetzt aber dringend noch was trinken muss. (Das Argument „du hast doch gerade erst…“ zieht bei Babys nicht). Ich setze mich also in der Winterjacke nochmal hin und stille. Die Hunde legen sich zu meinen Füßen. Zehn Minute später gehen wir los.

Ein anderer  Tag. Das acht Wochen alte Baby ist geimpft worden und etwas knatschig. Wir sind noch nicht lange im Wald, da schreit und schreit sie: sie muss stillen.* Jetzt sofort. Ich setze mich auf einen bereitliegenden Baumstamm und mache mich frei. Die Hunde stehen erst irritiert herum, legen sich dann zu meinen Füßen. Das Reh treffen wir zum Glück erst fünf Minuten später.

Jeden Tag, an dem wir mit dem Auto zum Spaziergang fahren: Rike freut sich, Rike muss auf Klo, Rike fiepst manchmal, wenn sie merkt, wo ich parken werde. Ich steige aus, Rike steigt aus und will losrennen. Wir holen Habca aus dem Kofferraum, Habca will essen und pinkeln. Beide müssen sich zurückhalten: ich hole ja erst noch das Baby aus seinem Autositz. Ich ziehe meine Jacke aus, die Tragehilfe an – oft beschwert sich jetzt auch das Baby. Ich stecke das Baby in die Tragehilfe, die Jacke wieder an, es kann los gehen, Rike ist vor Ungeduld schon fast geplatzt.

Ich selbst wusste ja ungefähr, was ich mir da einhandle. Ich habe genug Impulskontrolle, um die Bedürfnisse eines Babys an erste Stelle zu setzen, und meine erstmal aufzuschieben. Wenn ich stille, kann ich mir eben kein Glas Wasser holen, und wenn das Baby schreit, kann ich nicht auf Klo. Ich weiß aber, dass ich mich kurze Zeit später auch wieder um meine Bedürfnisse kümmern kann. Die Hunde müssen sich in Geduld üben, ohne zu verstehen, dass Babys das eben kaum können, und deshalb vorgehen. Und: sie haben sich dieses Baby eher nicht gewünscht.

Deshalb ist es mal wieder an uns Menschen, den Hunden das Ganze möglichst leicht und gut aushaltbar zu machen!

Lehre deine Hunde Geduld – spätestens, wenn du ein Baby erwartest.

Geduld ist eh gut für Hunde und Menschen, finde ich. Meine Hunde kennen es, dass es manchmal bei mir länger dauert mit dem Losgehen zuhause. Das ist für sie kein Weltuntergang. (Wahrscheinlich denken sie sowas wie „ach, die Alte wieder“, während sie sich seufzend nochmal irgendwo hinfallen lassen). Meine Hunde wissen, dass ich morgens nicht sofort aus dem Bett springe, um sie rauszulassen – also ist es keine Katastrophe, wenn ich jetzt erstmal stille. (Wenn es nachts was wirklich wichtiges gibt, wenden sie sich gleich an meinen Mann…).

Auf fast jedem Spaziergang setze ich mich mit den Hunden zumindest mal kurz irgendwo hin. Wir gucken die Landschaft an, teilen vielleicht eine Karotte, atmen durch, suchen verstreutes Trockenfutter. Wenn ich neuerdings dabei stille, ist das für sie nicht allzu verwunderlich (gut, bisher habe ich mich nicht ausgezogen, aber das ist ihnen wohl egal…).

Nach dem aus dem Auto aussteigen sind wir immer schnell losgegangen – da muss ich jetzt nachbessern. Ich streue Leckerlis, während ich das Kind in die Trage bugsiere, aber sie wollen lieber los, schnüffeln, markieren, rennen…

Á propos Trage: Für mich kam ein Kinderwagen gar nicht in Frage, ich nutze ein Tragetuch oder eine Tragehilfe. Damit habe ich beide Hände frei und bin fast so beweglich wie ohne Kind. Ich kann die Hunde füttern, meine Sichtsignale geben (manche sehen offenbar etwas anders aus, immerhin ist meine Silhouette verändert, aber mittlerweile haben sie das raus), ihnen Sachen und Ziele zeigen, den Weg verlassen, Rikes Schleppleine greifen, Habca über den Kopf streichen.

Ich achte darauf, dass ihr Spaziergang ihnen so viel Spaß macht wie vor der Geburt – noch ist das kein Problem, denn noch stellt das Baby da keine Ansprüche. Ich gebe ihnen ihre Aufgaben, verliere Dummies, schicke sie an fotogene Stellen, schaue, was sie mir zeigen, belohne Rike fürs Rehe anstarren und erschnuppern.

All das kann man „bedürfnisorientiert“ nennen: bedürfnisorientiertes Aufwachsen für unser Baby, auf die Bedürfnisse der Hunde achten, und auf meine. Denn der Witz und die Kunst bei der Bedürfnisorientierung ist das so genannte „unden„: Es ist nicht mein Bedürfnis gegen dein Bedürfnis. Die Hunde sollen nicht zurückstecken, weil jetzt ein Minimensch da ist. Und wenn es mir am Ende des Tages schlecht geht, weil meine Bedürfnisse unerfüllt bleiben, haben auch weder Baby noch Hunde etwas davon. Unden heißt: meine Bedürfnisse und deine.** Das ist ein ewiges Verhandeln, und mit nicht-sprechendem Baby und nicht-sprechenden Hunden findet dieses Verhandeln noch in meinem Kopf statt, und die Verantwortung dafür liegt bei mir. Ich muss rausfinden, was die Bedürfnisse der vier Beteiligten sind, wer was auch mal aufschieben kann, und wer nicht, was wichtig ist, was dringend ist.

 

 

* Wundert ihr euch, dass ich sage „sie stillt“, und nicht „ich stille sie“? Der Part des Kindes beim an-der-Brust-trinken ist ja mindestens genauso aktiv wie der der Mutter, daher verwenden viele das Wort aus Sicht des Kindes aktiv.

** „Unden“ ist nicht dasselbe wie Kompromisse eingehen: bei Kompromissen verzichtet jeder auf einen Teil seiner „Forderungen“, beim „unden“ versucht man, alle Bedürfnisse zu erfüllen. Siehe z.B. dieser Blogartikel.