In Erziehung und Lernen, Hund und Kind, Hundeerziehung, Hundetraining, Leine, Mensch-Hund-Beziehung, Schipperke, Schwanger mit Hund, Stress, Veränderung

☞ zum Artikel SCHWANGER ALS HUNDEBESITZERIN – DAS ERSTE TRIMESTER

Das zweite Trimester ist ja für die meisten Frauen das angenehmste – es ist einem nicht mehr schlecht, und der Bauch ist auch noch nicht sooo dick, dass er einen wirklich behindert. Zeit für Hundetraining! ;-)

Training auffrischen

Im vorigen Artikel habe ich euch ja schon Hinweise gegeben, was ihr trainieren könnt.

Ich habe mit der kleinen Rike an Leinenführigkeit in für sie schwierigeren Situationen gearbeitet – direkt beim Losgehen, zum Beispiel, oder in Begegnungen.

Und ich habe nochmal neu darüber nachgedacht, wer im Auto wo und wie sitzen soll. Das Kind soll ja im Kindersitz am besten auf der Rückbank sitzen, und da soll natürlich niemand versehentlich draufspringen oder sowas.

Rikchen hat nochmal geübt, in eine Box zu gehen und drinzubleiben, falls ich sie dann mal spontan „aus den Füßen“ haben will:

 

Neue Gegenstände

Außer diesem Autositz, der jetzt auch tatsächlich schon im Auto mitfährt, damit wir uns alle dran gewöhnen können, kamen eine Menge andere Gegenstände ins Haus: Wickelkommode, so eine Baby-Hängematte (die fand Rike erstmal gruselig), ein Bettchen, Baby-Klamotten… da ich viel gebraucht gekauft habe, alles auch noch mit interessanten Gerüchen. Ich erlaube den Hunden, alles anzugucken/ anzuschnuppern, sie machen die Pakete mit mir auf, aber es soll auch keine zu große Sache für sie sein (das meiste ist ja auch nicht sooo interessant aus Hundesicht). Mein selbstgebasteltes Mobile starrt Rike manchmal an, wenn es sich im Luftzug bewegt. All solche Sachen stehen hier also schon herum, nehmen unseren Geruch an, und werden „normal“.

Neue Herausforderungen

Nach meinen vielen Jahren Erfahrung als Trainerin empfehle ich allen Frauen, in der Schwangerschaft auf das Wachverhalten ihres Hundes zu achten. Fast immer wurde mir berichtet, dass der Hund die Frau vermehrt bewacht, sobald die Schwangerschaft eingetreten ist – teilweise schon, bevor die Frau von ihrem Zustand wusste. „Bewachen“ klingt ja nett, gerade in einer Phase, in der man sich vielleicht etwas unsicherer oder ängstlicher fühlt als früher – und es ist sicherlich auch nett gemeint vom Hund! Dennoch führt es in unserer Gesellschaft zu einer Reihe von Problemen, denn es ist für den Hund sehr schwer abzuschätzen, wann bewachen tatsächlich angemessen oder erforderlich wäre (sehr selten!), und wann der eilig auf Frauchen zustürmende Fremde nur nach dem Weg fragen will. Je mehr der Hund merkt, dass seine Wach-Versuche nicht fruchten (die wenigsten Menschen reagieren ja aus Hundesicht vernünftig auf einen wachenden Hund – und schlimmstenfalls wird Frauchen auch noch böse!), desto mehr kann er aber auch in Konflikte geraten, sich bestätigt fühlen („Fremde sind ja wirklich gefährlich!“) und eskalieren.

Wachverhalten lässt sich meistens nicht einfach so „verbieten“ (dann wäre es kein Problem). Trotz (oder wegen?) der Gefühle aller Beteiligten macht es Sinn, sich dieses Problem genauso behavioral oder funktional anzuschauen wie alle anderen Probleme:

Antezedenzien: sind Hund und/ oder Frauchen eh schon angespannt (dann daran arbeiten)? Ist Dauerzug auf der Leine, der Anspannung vermittelt (dann Leinenführigkeit trainieren)? Geht es dem Hund gut, ist er in seinem Gleichgewicht, gut ausgelastet, nicht überfordert? Stimmt die Beziehung zwischen Hund und Frauchen? Sind Grundlagen für Kommunikation vorhanden, zum Beispiel eine Möglichkeit, den Hund umzuorientieren, und eine Möglichkeit, ihm zu sagen, wenn er was richtig gemacht hat und ihm das einen Verdienst einbringen wird? Kann er auf Signal an eine günstige Stelle, zum Beispiel neben oder hinter Frauchen, gehen, oder lässt sich dahin locken?

das (unerwünschte) Verhalten:  in der Regel: der Hund macht ein mehr oder weniger großes Theater (bellt? springt in die Leine? knurrt?), wenn sich eine fremde Person seinem Frauchen (nicht ihm, dem Hund!) nähert. Beobachten: bezieht sich das auf alle Personen? Nur Männer? Nur von hinten, von vorne? Nur, wenn sie zügig gehen? Nur in der Dämmerung? Nur vor der eigenen Haustür? Usw. Hier lohnt es sich, selbst ganz klar zu sein: welches Verhalten will ich nicht? „Ein bisschen bewachen“, wie es sich viele schwangere Paare wünschen, finde ich für einen Hund zu schwierig und nicht zumutbar. Das heißt nicht, dass ein gut trainierter Hund in einer echten Gefahrensituation nicht sein Frauchen verteidigen würde (wobei man darüber streiten kann, ob das klug wäre!).

die Konsequenzen: Entweder der Hund hat mit dem „Theater“ Erfolg, das heißt, der „Angreifer“ bekommt Angst, und verzieht sich (oder wollte eh weiter gehen) – verstärkt das Verhalten. Oder der Hund hat keinen Erfolg, der Handwerker, Briefträger, nach-dem-Weg-Frager kommt trotzdem näher auf Frauchen zu, beugt sich vielleicht noch über den Hund, sagt „ach wie süß, verteidigt der sie?“ (als Schipperke zum Beispiel kann einem sowas passieren) oder eskaliert selber („nehmen Sie sofort den Hund weg!“). Der Hund lernt: „das, was ich mache, reicht nicht, ich muss mehr machen oder schneller handeln.“ Auch die mögliche Konsequenz „(immer wenn ein Angreifer kommen wird) Frauchen (wird) unangenehm, schimpft, ruckt an der Leine, hört auf zu atmen, stinkt nach Adrenalin“ macht die Sache nicht besser. Nichts davon macht die Sache besser!

Wie immer schauen wir erst, dass auf der Seite der Antezedenzien alles gut (so gut wie möglich) ist, bauen dann ein Alternativverhalten auf, das wir schön trainieren, vermeiden solange dass das unerwünschte Verhalten ausgelöst wird (durch Management) und ändern dann die Konsequenz des unerwünschten Verhaltens. Und auch hier nochmal der Hinweis: Es ist keine Schande, sich da einen Trainer zur Hilfe zu holen!

Tatsächlich habe ich auch an meinen Hunden während meiner Schwangerschaft verstärkte Anspannung bemerkt, wenn sich mir fremde Menschen, insbesondere Männer, nähern. Sie finden das beide eh nicht toll, ich fühle mich mit der Situation (zwei Hunde in der Hand und jemand Fremdes will was) auch oft nicht wohl, insofern war ich nicht überrascht, dass das Thema aufkam. Ich habe:

  • Management betrieben: Rike kriegt z.B. für die aufregende Strecke von der Haustür zum Auto, wo eine Zeitlang oft Bauarbeiter standen/ rumliefen/ hockten und „Morgen“ sagten, einen kleinen Dummy ins Maul – das hilft vielen Hunden. Wenn einzelne Spaziergänger entgegenkommen, leine ich Rike an. Wenn Handwerker kommen oder jemand rund ums Haus was von mir will, sind die Hunde nicht dabei.
  • gegenkonditioniert: Essen, wenn sich jemand nähert
  • Click for Blick/ Look at that geübt: Rike „zeigt“ mir (durch Hin- und Hergucken, manchmal auch -laufen), wenn z.B. im Wald plötzlich jemand ist, und kriegt dafür Essen. (Dumm nur, dass das mancher Spaziergänger so toll findet dass er zu mir kommen, Stehen bleiben und mir erzählen muss, was der Hund da gemacht hat („… und dann kam der angerannt… und dann hat der mich gesehen, und ist plötzlich wieder zurückgerannt!“), und das ist Rike dann doch wieder zuviel…
  • Alternativverhalten frühzeitig abgefragt: neben mir gehen, neben mir sitzen, auf einen Baumstamm springen… wenn jemand kommt
  • … und an meiner inneren Einstellung gearbeitet: Auch wenn mir manches nicht angenehm ist, kann ich gut auf mich aufpassen. Meine Hunde müssen das nicht tun. Wenn sie es doch mal tun sollen, kann ich ihnen ja Bescheid sagen. Ich schätze ihren Wunsch, sich zu beteiligen, und mich zu beschützen, und bedanke mich dafür, und zeige ihnen Alternativen.

All das dürft ihr dann, wenn das Baby da ist, wahrscheinlich nochmal durchdiskutieren: wer darf sich dem Kinderwagen nähern? Wer das Kind anfassen? Aber dann wisst ihr ja schon, wie es geht.

 

Gesundheit

Jetzt ist auch ein guter Zeitpunkt, nochmal die Gesundheit des Hundes zu checken. Wie wollt ihr das mit Zecken-Prophylaxe, Entwurmen und Co. zukünftig handhaben? Habt ihr euch schon Gedanken über Hygiene zwischen Hund und Baby gemacht?

Je gesünder, fitter und zufriedener euer Hund ist, desto besser die Chancen, dass er auch mit all den Veränderungen klar kommt.

Checkt gegebenenfalls Medikamente, die euer Hund nimmt: Habcas Vetoryl zum Beispiel (Wirkstoff Trilostan) dürfen schwangere Frauen nichtmal anfassen – und es ist nicht gerade so, dass das in Leuchtbuchstaben auf der Verpackung stünde!

Praktische Hilfen

Wenn ihr sonst keine größeren Sorgen habt, könnt ihr auch mal überlegen, wie euer Hund euch in der Schwangerschaft unterstützen kann!

Als eine liebe Trainerkollegin mit einjährigem Kind mir sagte, ich würde mich bald nicht mehr bücken können, fand ich das noch schwer vorstellbar. Tatsächlich wurde Kacke einsammeln und Anleinen über Nacht zum Problem! Mein Plan, dass die Hunde sich an mir hochstellen können, reichte nicht: immer noch zu niedrig (ist aber für viele eine gute Option). Praktischerweise haben die Erbauer unserer Einfahrt eine Hunde-Anlein-Vorrichtung für schwangere Frauen eingebaut:

Kleine Hunde erhöht anleinen, wenn man sich nicht bücken kann/ will from Miriam Arndt-Gabriel on Vimeo.

Beide Hunde üben auch, mir Sachen aufzuheben, die runtergefallen sind. Schuhe zubinden wäre noch cool! ;-)

 

Viel Spaß beim Training!

Und danke an Tom von https://world-of-juli.com, der das Titel- Foto von Rike und mir beim Trailen gemacht hat. Auweia, das kriege ich jetzt nicht mehr hin…