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Es kommt ja in den besten Familien vor: plötzlich merkt man, dass man ein Problem hat. Also nicht nur ein wenn-die-Nachbarskatze-kommt-ziehen-sie-ein-bisschen-an-der-Leine-Problem, sondern ein echtes, richtiges ich-muss-mich-mal-hinsetzen-und-darüber-nachdenken-Problem. Das passiert auch in Hundetrainerfamilien (das weiß ich nicht nur von mir, sondern auch von ganz vielen anderen Trainern).

Ich wusste, dass es soweit war, als ich ohne Hund im Wald stand, die Straße nicht weit, die Kuhweide nicht weit, mein Satz „ich mach sie nur mal ganz kurz ab, damit sie rennen kann“ hing quasi noch in der Luft, von Hund und den Rehen, die gerade noch unmittelbar neben mir im Gebüsch standen, allerdings weder was zu sehen noch zu hören. Oder, genau genommen, wußte ich es die wahrscheinlich eine oder zwei Minuten später – gefühlte Stunden –  als Rikchen mit sehr langer Zunge und recht glücklichem Ausdruck vor mir stand, und ich sie erst anschrie und mich dann heulend auf dem Boden wiederfand.

Das war im Mai. Und als ich ich beruhigt hatte, sagte ich zu mir und zu Rikchen und zu meinem Mann: „Wir haben ein Problem“, und mir fiel ein, dass ich sowas ja glücklicherweise beruflich mache, also setzte ich mich hin und machte meinen Job.

Erster Schritt, (fast) egal, um was es geht: du musst verhindern, dass der Hund das unerwünschte Verhalten ausführt. Denn erstens wird er darin immer „besser“, je öfter er es macht, zweitens belohnt er sich dabei und will es immer mehr machen, drittens ist es vermutlich gefährlich oder anderweitig blöd. Damit wir in Ruhe trainieren können, was auch bei gutem Training eine gewisse Zeit braucht, müssen wir uns für diese Zeit „Management-Maßnahmen“ überlegen, die den Hund – möglichst frustfrei – daran hindern, das Verhalten, gegen das wir trainieren, ständig auszuführen. Sonst kommen wir nicht weiter. Meistens stammen solche Managementmaßnahmen aus dem Katalog:

  • nur mit Leine spazieren gehen
  • an anderen Orten spazieren gehen
  • zu anderen Zeiten spazieren gehen
  • Hausleine verwenden
  • Schleppleine (mit Geschirr) verwenden
  • ausschließlich mit Maulkorb spazieren gehen – bitte vorher trainieren!
  • mit Kopfhalfter spazieren gehen – bitte vorher trainieren!
  • einen sicheren Rückzugsort für den Hund schaffen
  • weniger rausgehen
  • mehr rausgehen

Management ist immer Schritt 1.

Für Rikchen hieß das erstmal Leinenpflicht. :-(

 

Wenn man plötzlich ein Problem hat, das man vorher nicht hatte, muss sich was verändert haben. Um herauszukriegen, was das sein könnte, schaut man sich nicht das Problemverhalten an, sondern alles, was vorher ist („ante“ = vorher, „Antezedenzien“: das was vorhergeht)

Bei sehr plötzlich auftretenden Problemen ohne gravierende Veränderung der Haltungsbedingungen führt der erste Gang hierzu immer zum Tierarzt!

Zu den Antezedenzien, die man checken sollte, gehören:

  • Gesundheit
  • hormoneller Status
  • Ernährungsstatus
  • Stressoren, Hintergrundstress
  • Auslastung (zu viel, zu wenig, das falsche)
  • Frustration
  • Erregungslevel
  • Erfahrung mit der Situation
  • Erwartungshaltung
  • Veränderungen der Haltungsbedingungen
  • Wohlbefinden der Bezugspersonen, Veränderungen in der Familie, Streit, Stress, Krankheiten, Zuzug oder Wegzug von Familienmitgliedern

Für Rikchen notierte ich: wir sind aus dem Taunus nach Südbaden umgezogen, hier ist extrem viel Wild (man sieht es wirklich ständig). Sie ist gesund, war derzeit kurz vor der Läufigkeit, eine eher aufregende Zeit. Ich sah eine gewisse Stressbelastung dadurch, dass ich kaum Spazieren gehen konnte, ohne etwas (für sie) sehr aufregendes zu erleben: eine der etwas distanzlosen Katzen saß vor der Tür, das Reh wieder in Anfassweite im Gebüsch, der Feldhase muss wenige Meter vor uns den Weg kreuzen… Zusätzlich machte sie plötzlich manchmal Probleme, wenn ich wegging und sie allein liess. Ihre Auslastung hatte sich seit dem Winter drastisch verändert: ich arbeite viel weniger, da ich mir hier noch einen neuen Kundenstamm aufbaue und relativ viel online mache. Rike war es gewohnt, mehrere Stunden täglich mit mir zu kommen, Hunde zu treffen, neue Orte zu sehen. Jetzt habe ich zwar mehr Zeit für sie, aber es ist anders.

Frustration sah ich derzeit noch nicht, aber ich befürchtete, dass sie schnell kommen würde, wenn die Maus nur an der Leine sein dürfte. Also habe ich mit Hochdruck nach Orten gesucht, wo sie frei laufen kann (mäßig erfolgreich), und habe beschlossen, dass das Training schnell den Status erreichen muss, wo sie an langer schleppender Schleppleine laufen kann.

Ihr Erregungslevel steigerte sich nach den ersten Rehbegegnungen blitzartig. Bei Sichtungen musste sie Quietschen, teilweise Schreien, und natürlich Rennen, notfalls im Kreis um mich rum.

Eine Erwartungshaltung, sobald wir im Wald waren, hat dann auch nicht lange auf sich warten lassen.

Zuletzt: Zu dem Zeitpunkt, wo das alles anfing, ging es mir nicht sonderlich gut, ich war gestresst, gereizt und anh am Wasser gebaut.

Ihr seht: wenn man das gründlich macht, hat man schon auf der Seite der Antezedenzien eine Menge, woran man arbeiten kann!

Was ist die Verstärkung des unerwünschten Verhaltens? Was hält es am Leben? Was hat der Hund davon?

Im Fall von Jagdverhalten ist das im Prinzip schnell beantwortet: Jagen ist toll, Jagen macht glücklich, Jagen macht süchtig, Jagen bringt den Dopaminkick. Und, bitte nicht vergessen: Jagen ist Normalverhalten.

Bei manchen anderen Verhalten ist es etwas schwieriger, aber: Jedes Verhalten hat etwas, das es am Leben erhält. Jedes Verhalten hat eine Funktion für das Tier. Es gibt immer etwas, das dem Hund sagt, dass sich genau dieses Verhalten in dieser Situation lohnt.

Was Rikchen angeht, habe ich ja ihr Leben lang schon mit dem Wissen trainiert, dass sich ihre Verwandtschaft für Jagen interessiert, und dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass sie das irgendwann entdeckt. Deshalb habe ich mein bisheriges Training nochmal gründlich durchdacht: was habe ich ihr erklärt, was sich für sie lohnt? Denkt hier an das Markersignal genauso wie an den Futterpunkt. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich recht viel Belohnung auf

  • in den Wald gucken (im Rahmen von hin und her gucken, Zeigen und Benennen)
  • Spuren finden und ein Stückchen verfolgen
  • im Hochwind nach Wild schnuppern (benanntes Verhalten)
  • Stehenbleiben und Gucken und Schnuppern (statt Losrennen)
  • von mir weg rennen (= gerollte Kekse sind für sie i.R. hochwertiger als überreichte Kekse)
  • sowieso Rennen als funktionale Belohnung nach Ortung, mit gerolllten Keksen oder Spielzeug

hatte. Das alles aus guten Gründen und im Rahmen von Jagdersatztraining!

Ich belohne das alles auch weiter, habe aber den Schwerpunkt verlegt auf:

  • zu mir gucken
  • nah bei mir bleiben
  • bei Wildsichtung das Signal „weitergehen“, an der Schleppleine eingeführt, mit Futterpunkt nah bei mir
  • Clickpunkt beim Hingucken-Weggucken ist jetzt zu etwa 90% beim wieder-zu-mir-Orientieren
  • hochwertigeres, dafür ruhig überreichtes Futter
  • Entspannung am Auslöser
  • Alternative Beschäftigung in wildreichem Gebiet

Provokant formuliert: Habe ich durch Jagdersatztraining dem Hund erst erklärt, dass Wild wahnsinnig wichtig ist? Oder: wie gestalte ich Training und vor allem Belohnung so, dass

  • Belohnung weniger mit dem Aufspüren, Angucken und Hinterherschnuppern von Wild verknüpft ist
  • Belohnung weniger mit Rennen verknüpft ist, und mehr mit Nähe zu mir und Ruhe

Wenn es um Überprüfen von bisherigem Training geht, weil etwas nicht so läuft, wie ihr euch das vorstellt: Ganz ehrlich, lasst die Profis ran. Wir haben ja mittlerweile ein paar gut ausgebildete Trainer in Deutschland. Wenn euer Auto zum soundsovielten mal kaputt ist, guckt ihr irgendwann auch nicht mehr schnell selber. Und ganz ehrlich: beim Handwerker für die Waschmaschine sagt man auch nicht „das ist zu teuer, das soll der Nachbarsjunge machen“.

Die feinen Unterschiede im Training – Futterpunkt, Millisekunde des Markers, die Balancen halten, was tun bei Fehlern… – sind aus Laiensicht schwer zu sehen und noch schwerer zu ändern. Das ist normal, das ist in jedem anderen Bereich unseres Lebens auch so!

Zusätzlich habe ich geplant: wann mache ich was, wann kann mein zweiter Hund dabei sein, wann eher nicht, wann gehen wir in wildreiches Gebiet (Wald), wann suche ich gezielt Auslöser auf (Rehgehege), welche Belohnung brauche ich und muss ich dabei haben, usw.

 

Und dann muss man es noch tun.

Und zwar nicht nur dann, wenn man gerade total Bock auf Training hat, oder wenn das Wetter schön ist, oder Hund und Mensch in optimalem Entspannungszustand. Klar kann es auch mal Tage oder Situationen geben, in denen gar nichts geht. Aber was euer Alltag ist, wie oft ihr dem Auslöser eures Hundes begegnet, wie ihr dann gerade ausgestattet und drauf seid – das gestaltet ihr! Nicht euer Hund. Der Hund ist uns in allen diesen Belangen ausgeliefert.

„Dranbleiben“ heißt auch: nicht doch mal kurz die Schleppleine abmachen, wenn der Hund nicht so weit ist. Nicht die Pfeife „mal ausprobieren“, wenn sie nicht ausreichend konditioniert ist. Nicht immer nur vermeiden und ausweichen. Vielleicht eher allein spazieren gehen, weil man im Gespräch zu abgelenkt ist. Im Regen spazieren gehen. Zu blöden Uhrzeiten rausgehen. Viel öfter oder viel seltener gehen, als man gewohnt ist und schön findet.

„Dranbleiben“: ein Hundeleben lang, auf eine Art, ABER: wenn im Training alles gut und richtig läuft, geht auch positives (belohnungsbasiertes) Hundetraining schnell! Rike kann, mit der gebotenen Vor- und Rücksicht (Brut- und Setzzeit!) jetzt, nach etwa vier Wochen, auch im Wald wieder frei laufen. Sie kann an Stellen, an denen sie und ich schon Rehe getroffen haben, ruhig weitergehen. Sie zeigt mir Wild an, und geht dann entspannt an der Leine weiter.

Wollt ihr dazu noch ein kleines Video sehen?

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