In Entspannungstraining, Hundepsychologie, Hundesport, Mehrhundehaltung, Mensch-Hund-Beziehung, Stress, Veränderung

Viele meiner Kunden haben zwei (oder mehr) Hunde, und je unterschiedlicher die Hunde sind, umso drängender stellt sich die Frage: Wie kann ich beiden gerecht werden? Schließlich sollen ja beide ein gutes Leben bei und mit mir haben – und, nebenbei merkt, der Mensch möglichst auch.

Für mich ist das Thema wieder mehr in den Vordergrund gerückt, seit Habca nicht so gut läuft (wahrscheinlich Arthrose – Röntgenbilder werden morgen gemacht). Als Rike bei uns eingezogen ist, war es natürlich auch ein wichtiges Thema: ein Welpe (der sozialisiert werden muss) und ein älterer Hund (die zudem gerade mit ihrer Krebserkrankung und OPs kämpfte). Ein Duracell-Hündchen und eine eher meditative Tibeterin. Und dazwischen ich, mit auch nur begrenzter Zeit.

Ich beschreibe Euch mal, wie ich so ein Problem angehe.

1. Notiere die Bedürfnisse jedes Beteiligten

Was braucht jeder deiner Hunde? Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie es scheint: man könnte zum Beispiel versucht sein, zu denken, ein Hund wie Rike braucht wahnsinnig viel Bewegung, Herausforderung, Training, Sport, Action… glaubst du das von deinem energetischen und/ oder jungen Hund auch? Es lohnt sich zumindest mal auszuprobieren, wie der Hund ist, wenn sein Leben ein bisschen „langweiliger“ wird. Ich empfehle gerade bei der Frage der richtigen Auslastung immer Experimente. Mach mal ein paar Tage richtig viel mit dem Hund: manche Verhaltensprobleme erledigen sich ad von selbst! Und mach mal ein paar Tage ganz entspannt und wenig mit dem Hund: manche kommen jetzt zur Ruhe und werden viel angenehmer im Umgang! Wichtig ist nicht nur „zu viel“ versus „zu wenig“, sondern auch „das richtige“: Manche Hunde müssen tatsächlich regelmäßig eine Runde rennen. Vielen anderen tut ein ganz langsamer Schnüffelspaziergang viel besser als das gewohnte Streckemachen! Oder weniger rausgehen, dafür drinnen die Mahlzeiten zum „Schnüffel-Event“ machen?

Es gibt ein paar wenige Dinge, die jeder Hund braucht – ca 18h Schlaf täglich gehört zum Beispiel dazu. Alles andere sollte möglichst individuell beurteilt werden! Wie ist es zum Beispiel mit Kontakt zu Artgenossen? Ist das für deinen Hund wirklich schön, oder glaubst du, es muss so sein?

Du solltest den Bewegungsapparat deines Hundes gut in Schuß halten – wie geht das für jeden deiner Hunde am Besten? Ein Waldspaziergang mit verschiedenen Untergründen und Balancieren, oder Gymnastik zuhause? Ist Sport gut für deinen Hund, und macht er es gern? Machst du es gern mit ihm?

Was für „Baustellen“ hat jeder einzelne Hund? Woran willst du mit ihm arbeiten? Was sollte sich ändern? Oder gibt es was, was du trainieren oder lernen willst – welcher deiner Hunde ist dafür geeignet?

Wie sieht es mit dem Stresslevel deiner Hunde aus? Stress ist nicht nur die Ursache vieler Verhaltensprobleme, sondern macht jedes Verhaltensproblem schlimmer. Kannst du den Stress deiner Hunde reduzieren? Was brauchen sie, um gute Ruhezeiten zu haben? Entspannen sie besser getrennt oder zusammen? Auch Hunde, die sich offensichtlich mögen, kommen manchmal gemeinsam nicht gut zur Ruhe.

Wahrscheinlich kommst du bei dieser Analyse darauf, dass es Dinge gibt, die du mit jedem Hund einzeln tun möchtest oder musst, und Dinge, die ihr gut zusammen tun könnt.

2. Schätze dich selbst realistisch ein

Wenn du zu dem Ergebnis kommst, dass deine Hunde besser getrennt spazieren gehen sollten, du das aber ganz offensichtlich nicht in deinen eigenen Tagesablauf gepackt kriegst, dann gib das lieber gleich ehrlich vor dir selbst zu, anstatt die nächsten Monate mit einem schlechten Gewissen und ständig abgehetzt herumzulaufen. Es gibt immer Alternativen, und Hunde sind unglaublich anpassungsfähig.

Wenn du mit einem Hund etwas machst, wobei der andere nicht mitmachen kann oder soll, hast du zum Beispiel verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Viele Hunde sind gern „dabei“, auch wenn sie nicht aktiv mitmachen (können). Gerade wenn einer deiner Hunde älter wird, achte darauf, ihn nicht „auszuschließen“. Vielleicht kann er lernen, auf einer Decke oder in einer Box oder im Auto zu warten. Kann er zuschauen, oder regt ihn das auf? Für Hunde, die früher selbst Sport gemacht haben, und es jetzt nicht mehr dürfen, ist es manchmal schwierig, zu sehen, dass andere den Sport machen. Oft ist auch der Platz oder z.B. die Geräte schon arg mit Aufregung verknüpft (auch wenn das nicht so sein sollte). Dann ersparst du es deinem Hund lieber, so genau mitzukriegen, was du mit dem anderen machst.

Denk auch an die Lernerfahrung, die deine Hunde über die Anwesenheit ihres Geschwister-Hundes machen: wenn die tollen Sachen immer nur passiere, wenn man mit Frauchen allein ist, kann das die Beziehung der beiden untereinander belasten. Es sollten immer auch schöne Dinge mit allen zusammen passieren. Bei Hunden, die Probleme miteinander haben, kannst du sogar gezielt die Anwesenheit des Anderen mit besonders tollen Sachen verknüpfen.

3. Ein Beispiel: So sieht es bei uns derzeit aus

Ich mache unseren Hauptspaziergang morgens weiter mit beiden Hunden zusammen. Je nachdem, wie es Habca gerade geht, fällt der deutlich kürzer aus als früher. Ich gehe bewusst langsam und an (aus Hundesicht) interessante Orte, beide Hunde erkunden viel. Es gibt unterwegs Frühstück (Trockenfutter), Rike springt dafür auf Sachen, klettert, guckt mich an, zeigt mir Wildtiere – Habca geht meistens eh bei mir und kriegt ihr Essen so. Dann machen wir fast immer ein Picknick, bei dem Habca eine ganze rohe Möhre verspeist, Rike Entspannungsübungen macht und ich auf einer Bank sitze. Wenn ich den Pfiff „auflade“ achte ich meistens darauf, dass Habca eh schon bei mir ist und nicht arg losrennen muss.

Zurück zuhause gibt es eine Kaustange, ich arbeite am Schreibtisch, die Mädchen schlafen.

Rike darf fast jeden Tag nochmal allein mit mir los. Wir gehen dann nicht unbedingt spazieren – wenn das Wetter es zulässt, nehme ich sie mit zum Einkaufen oder solchen Erledigungen. Sie schaut beim Autofahren immer ganz interessiert aus dem Fenster. Wenn es geht, kann sie mit zu Trainings-Terminen. Oder wir fahren durch die Auto-Waschanlage. Oder wir halten in einer Innenstadt oder an einem Ziegengehege oder einem Rehpark und trainieren kurz was.

Fast jeden Tag trainiere ich mit beiden was zuhause. Mit Rike arbeite ich gerade das Buch „Hunde-Uni“ mal komplett durch, von vorne bis hinten – in erster Linie als Übung für mich. Sie kennt schon einiges, aber wir machen einfach nochmal alles, und haben Spaß dabei. Habca kann zuschauen, will dann aber auch trainieren (sogar lieber als einfach nur so Essen kriegen), deshalb mache ich mit ihr auch was. Physiotherapie zum Beispiel, oder was mit Targets, oder Futterdummys suchen – irgendwas, was ihr Spaß macht.

Ich versuche, zweimal die Woche mit Rike einen großen Spaziergang zu machen – entweder ich oder Herrchen. Es klappt nicht immer. Einmal die Woche macht sie Mantrailing – Habca je nach Tagesform auch, oder sie geht nur mit, oder sie bleibt zuhause. Ich schaue, dass wir drei jeden Tag bewusst zusammen einen Moment rumhängen, kuscheln, entspannen.

Wenn mir der Tag langweilig vorkam, oder mich ansonsten das schlechte Hundemutter-Gewissen plagt, oder ich einfach Lust habe, machen wir abends Intelligenzspiele. Das machen beide gern.

Im Wesentlichen war’s das. Natürlich gibt es immer Abweichungen, Ausnahmen, Zwischenfälle. Dann versuche ich, wieder gegenzusteuern, und mache mir klar, dass sowohl Hunde als auch Menschen mit einem schlechten Tag durchaus leben können. Und ich achte darauf, unser Leben immer wieder all den Veränderungen, die um uns herum und in uns und mit uns passieren, anzupassen – so dass es uns allen möglichst gut damit geht.

 

 

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