In Angst, blog, Clickertraining, Entspannungstraining, Erziehung und Lernen, Fellpflege, Hunde-Bücher/ Hundezeitschriften, Hundetraining, Meine Hundebibliothek, Produkttest, Tierarzt, Trainingsspezialist, Trainingstechnik

Der Easy Dogs-Hundebuch-Verlag hat mir für diese Rezension ein Exemplar des Buchs zur Verfügung gestellt.

„Blut abnehmen beim Hund trainieren“: Buchrezension

Ein ganzes Buch über das Training fürs Blutabnehmen? „Muss das sein?“, dachte ich zuerst. Die Berliner Tierärztin und Tiertrainerin Dorothea Johnen hatte zuerst tatsächlich ein Skript geplant, ein paar DIN A 4-Seiten. Das wurde dann immer umfangreicher, und schließlich machte sie mit Claudia Matten vom Easy Dogs-Hundebuch-Verlag ein Buch daraus –  und nichteinmal ein besonders schmales.

Die Crux ist nämlich Folgendes: Wir (und damit meine ich hier: Trainer*innen, die so ähnlich arbeiten wie ich, wozu ich Dorothea Johnen und Claudia Matten zähle, wir sind alle drei Absolventen der „Weiterbildung Trainingsspezialist“ und gehören zur Gemeinschaft der „TOP-Trainer“ der Tierakademie Scheuerhof) wollen kleinschrittig trainieren. Das Tier an die Hand nehmen, sozusagen, ihm ermöglichen, jeden einzelnen Schritt richtig zu machen, jedes Detail vorher kennen zu lernen. In die Sicherheit hinein trainieren. Das ist gerade beim Training für den Einsatz in der Tierarztpraxis, in der sich so viele Hunde eh schon nicht wohl fühlen, immens wichtig. Und: Das ist gerade beim Tierarzttraining ganz schön schwierig, denn als Trainer*in weiß ich nicht unbedingt, wie eine tiermedizinische Prozedur genau abläuft. Das ist aber Voraussetzung, um sie in kleine Trainings-Bausteine zerlegen zu können.

Man muss die Prozedur kennen, um sie zu trainieren

Damit ist die erste Funktion des Buches benannt: Es schlüsselt für den/ die Hundetrainer*in auf, was es alles zu trainieren gilt, wenn „Blut abnehmen“ trainiert werden soll. In den Behandlungsraum gehen, auf den Tisch gelangen, dort ein Kooperationssignal zeigen und halten. Dann die Punktionsstelle (Vorderbein, Hinterbein oder Hals) vorzeigen, scheren lassen, das Gefäß stauen lassen, den Arzt nach der Vene suchen lassen, das Desinfektionsmittel aufgetragen bekommen (mit verschiedenen benannten Varianten), den Einstich tolerieren, ruhig warten, während das Blut abgenommen wird, den Stau lösen lassen, den Druckverband anlegen lassen. Das sind die Elemente, aus denen „Blut abnehmen“ besteht, und die alle einzeln trainiert werden können – und auch sollten. Dorothea Johnen nennt zu jedem einzelnen Details, Varianten, und schlägt Trainingspläne vor.

Kooperationssignale?

Bist du oben über das Wort „Kooperationssignal“ gestolpert? Auch das wird ausführlich im Buch erklärt. Ein Kooperationssignal, in Anna Oblasser-Mirtls Buch „Medical Training“ als das „Ich-Bin-Bereit-Signal“ bezeichnet, bei Chirag Patels bekanntem „Bucket Game“  das Anschauen der Futterdose, ist die Besonderheit zeitgemäßen Tierarzttrainings. Die Grundidee ist, dass all die Trainingsfähigkeiten, die wir heute haben, doch wohl in erster Linie einem zugute kommen sollten: dem Tier selbst. Es soll medizinische Behandlungen, aber auch alltägliche Pflege (Kämmen, Krallen Kürzen, Zähne putzen usw.) nicht passiv erdulden und schon gar nicht unter körperlichem Zwang erleiden oder, wie insbesondere bei Zootieren üblich, für jede Kleinigkeit in Narkose gelegt werden müssen. Stattdessen soll das Tier aktiv an der Behandlung mitwirken, und eine Möglichkeit haben, die Behandlung zu unterbrechen. Dazu lernt es, eine bestimmte Körperhaltung – das Kooperationssignal nämlich – zu halten, und damit zu „sagen“: „es ist okay, ihr dürft weitermachen, ich weiß, dass ich gleich meine Bezahlung bekomme“. Wenn es das Kooperationssignal aufhebt, stoppt die Behandlung. Das Tier kann sagen: „ich kann nicht mehr“, „ich will nicht mehr“, „ich brauche eine Pause“.

Dorothea Johnen stellt die Kooperationssignale „Kinntarget“, „Pfote geben“ und „Seitenlage“ vor. Dazu gibt sie der Leser*in Trainingspläne an die Hand, führt in Sinn und Nutzen von Kooperationssignalen ein, erläutert benötigte Trainingstechniken (wie Locken, 5er Regel, Aufbau von Dauer usw.) und die Einführung von Ablenkung (die es IRL beim Tierarzt ja dann reichlich gibt).

Damit ist die zweite Funktion des Buches, die Hundehalter*in zu zeitgemäßem Tiertraining anzuleiten. Das Blutabnehmen ist dann nur ein mögliches Beispiel – denn wenn man weiß, wie Training geht, ist es fast egal, was man trainiert.

Abgerundet wird das Buch durch einführende Überlegungen, warum Blutabnehmen überhaupt stressig für viele Hunde ist, wie man seinen Hund allgemein  beim Tierarzt unterstützen kann, wie man Stress erkennt, wie man Training dokumentiert, und was man tun kann, wenn keine Zeit für Training ist.

Angenehme Haptik, klares Layout und viele farbige Kästen mit Hintergründen und Zusammenfassungen machen das Buch durchweg leser*innenfreundlich.

Einige wichtige Punkte werden in Grafiken aufbereitet, was vor allem visuellen Lern-Typen helfen dürfte – ich muss mich da immer erst eine Weile reinfuchsen. Die Trainingspläne gibt es in ausführlicher Textform und als übersichtliche Kurz-Variante zum Ausfüllen. An solchen Details merkt man, dass hier Trainer*innen am Werk waren, die eine Dienstleistung für die (Trainings-)Praxis abliefern.

Fazit

Wer als Hundetrainer*in Medical Training/ Tierarzttraining anbietet, kommt meines Erachtens an diesem Buch nicht vorbei. Für die durchschnittlich interessierte Hundebesitzerin, die sich neben Hundesport, Hundeernährung und Körpersprache auch für Tierarztraining interessiert, würde ich eher ein allgemeines Buch zum Thema empfehlen (z.B. das oben erwähnte von Oblasser-Mirtl). Für Halter*innen chronisch kranker Hunde, denen regelmäßig Blut abgenommen werden muss, sieht es schon wieder anders aus, da schließt Johnens Buch eine Lücke.

Aus Trainer*innensicht wäre es wünschenswert, alle Hunde würden als Welpen lernen, dass alles was Menschen – darunter auch Tierärzte – so machen, schon nicht so schlimm ist, und wir müssten nicht alle Details mit ihnen durchgehen. Aber: so einfach ist es ja nicht. Und blöd wird es spätestens dann, wenn notwendige oder auch nur wünschenswerte medizinische Maßnahmen nicht durchgeführt werden (können), weil der Hund nicht mitspielt oder unverantwortbar gestresst wird.

Einschränkungen

Obwohl Johnens Buch hierfür eine wirklich hilfreiche Handreichung ist, würde ich, wenn der Hund in diesem Bereich schon Probleme hat, sehr dazu raten mit einer/m versierten Trainer*in zu arbeiten – vielleicht ja gemeinsam das Buch durchzuarbeiten.

Und: Wenn du mit diesem Buch trainierst, bist du immer noch auf eine/n kooperative/n Tierarzt/ Tierärztin angewiesen, und das ist meiner Erfahrung nach leider nicht selbstverständlich. In Berlin, Mainz, Frankfurt, Freiburg und drumherum bin ich immer wieder an Tierärzte geraten, die zu meinen Hunden Dinge sagten wie „das darf man dem jetzt aber nicht durchgehen lassen“ oder auch gleich schubsten, knufften, mit mehreren Personen fixierten oder Untersuchungen nur ohne mich durchführen wollten (weil der Hund dann „braver“ sei).  Solchen Ärzt*innen zu erklären, sie müssten jetzt bitte sofort die Hände vom Hund nehmen, wenn der sein Kooperationssignal aufhebt, verlangt Courage.

Unser Hund sollte es uns wert sein, diese Courage einzuüben und passende Tierärzt*innen zu suchen. In Berlin scheint es mindestens eine zu geben – sie hat dieses Buch geschrieben.

 

Dorothea Johnen (2020): Blut abnehmen beim Hund trainieren – Mit Medical Training entspannt zum Tierarzt. Easy Dogs- Hundebuch-Verlag. Softcover, 252 Seiten, Format: 14,8 x 21 cm. ISBN: 978-3-947773-04-6